„Das Wanderkind“ von Aude erzählt anrührend vom Zusammenspiel in einer ungewöhnlichen Familie
Wehen am 232sten Tag der Schwangerschaft, die von der Nachricht überschattet ist, dass zwischen den Zwillingen der Blutaustausch schon länger gestört ist. Wider Erwarten kommt das zweite Kind doch lebend zur Welt, so winzig, dass „es mehr an ein Vögelchen als an ein Menschenkind erinnert“. Benoît, von nun an nur „Der Kleine“ genannt, erweist sich bereits im Brutkasten als Trost und Halt für den kräftigeren Bruder Hans. Damit beginnt die stellenweise fast märchenhafte Geschichte einer Geschwisterbeziehung, die 1999 den Großen Leserpreis von „Elle Québec“ gewann. Das Wanderkind ist ein Hoffnung stiftender Roman, der in der Seele lange nachwirkt, weil „schwach“ und „stark“ keine eindeutige Zuweisung erfahren, sondern die frankokanadische Autorin Aude unter anderem mit dem Doppelungsmotiv die „schmerzhafte Schönheit menschlicher Bindungen“ nahebringt.