{"id":903,"date":"2021-04-22T11:49:39","date_gmt":"2021-04-22T11:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=903"},"modified":"2021-04-26T14:43:28","modified_gmt":"2021-04-26T14:43:28","slug":"verstrickt-in-vorsorge-fuer-den-untergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=903","title":{"rendered":"Verstrickt in Vorsorge f\u00fcr den Untergang"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Jenny Offills Roman \u201eWetter\u201c destilliert knappe Alltags- und Gedankensplitter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man mag von \u201eschlankem Erz\u00e4hlen\u201c angetan sein, einen Spannungsbogen verhei\u00dft das Auff\u00e4deln von knappen Beobachtungen und Gedanken in dem Roman <em>Wetter<\/em> aber nicht. Die leise Grundmelodie bildet der Ruin unseres Planeten. Dar\u00fcber legt die US-Autorin Jenny Offill etliche Banalit\u00e4ten des Alltags, die einen Gutteil der Textschnipsel f\u00fcr sich beanspruchen. Andere Schnipsel \u00f6ffnen Blickschneisen auf Ph\u00e4nomene und Hintergr\u00fcnde, die \u00fcber die angestammte Erlebenswelt der Ich-Erz\u00e4hlerin Lizzie hinausreichen und ausgiebigen Recherche-Flei\u00df belegen. Das ist das eigentliche Plus dieses Buches: es scheint aufzusammeln, was in der Luft liegt, aber nicht breit getreten werden soll, damit die \u201eWeltuntergangszuflucht\u201c doch noch gefunden werden kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Lizzie Benson ist nicht flatterhaft, springt aber mit ihrem Interesse mal hierhin, mal dahin. Ihre Pflichten stecken jedoch einen festen Rahmen: Da ist ihr Ehemann Ben, der Bildungsvideospiele entwickelt, der kleine Sohn Eli, der ihre Aufmerksamkeit braucht, sowie der Job als Bibliothekarin, f\u00fcr den sie formal nicht ausgebildet ist. F\u00fcr ihren Bruder, ein Ex-Junkie, hat sie stets ein offenes Ohr und gelegentlich auch ein Nachtquartier. Ihre Mutter, um die sie sich sorgt, lebt von einer winzigen Rente, kauft aber trotzdem f\u00fcr Obdachlose \u201ehaufenweise Socken\u201c, die sie obendrein gerne mit einem Dollarschein \u00fcbergibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und weil das alles noch nicht genug F\u00fcrsorge fordert, beantwortet Lizzie f\u00fcr ihre fr\u00fchere Professorin Zuschriften zu deren Podcast, der sich mit Klimawandel und anderen alarmierenden Entwicklungen besch\u00e4ftigt. Selbst in ihrem Meditationskurs hat sie keine Ruhe vor Fragen wie: \u201eEine Tomate ist genauso ein Lebewesen wie eine Kuh, oder etwa nicht?\u201c Sie scheint au\u00dferdem f\u00e4hig zu \u201eSpontanb\u00fcndnissen\u201c mit Fremden und meint dazu: \u201eIch muss aufpassen. Mein Herz ist verschwenderisch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der zweite Roman von Jenny Offill, Jahrgang 1968, der ins Deutsche \u00fcbersetzt vorliegt und dem viele Lobeshymnen vorauseilten. In Amerika wurde er zu den besten Romanen des Jahres 2020 gez\u00e4hlt. Gepunktet hat die Autorin wohl mit gerade diesen konzentrierten Wortmeldungen \u2013 einer Mischung aus pers\u00f6nlichen Lizzie-Szenen und kosmopolitischen Informationen. \u00dcberwiegend sind sie sehr kurz \u2013 oft nur wenige Zeilen, \u00e4hnlich Twitter-Nachrichten. Etliche verschr\u00e4nken sich nicht, f\u00fchren nichts fort, kontrastieren auch nichts. Hier sitzt eine fragile Protagonistin mittleren Alters \u201eim Zug nach nirgendwo\u201c. Man folgt ihr, erwartet nichts Tr\u00f6stliches und wird dergleichen auch nicht finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellvertretend f\u00fcr \u00e4hnliche Anspielungen sei hier ein Staccato aus dem sechsten Kapitel erw\u00e4hnt: Verstrickt in Vorkehrungen f\u00fcr den Untergang infolge der Klimaerw\u00e4rmung, hat Ben \u201ealles berechnet, alles ausgerechnet, und jetzt hat er ein Epikur-Zitat \u00fcber seinem Schreibtisch an die Wand gepinnt.\u201c Absatz. Dieses steht dann allein, als sollte es weitl\u00e4ufig \u00fcber Lizzies Geschichte hinausragen: \u201e\u2018Du bist nicht irgendein neutraler Beobachter \/ Bem\u00fche dich.\u2018\u201c Absatz mit drei Sternchen. Die Autorin macht einen \u201eKameraschwenk\u201c und nimmt Bezug auf Katastrophenfilme. Da \u201esagt der Held immer: \u201aVertrauen Sie mir\u2018, und derjenige, der sterben wird, sagt: \u201aHabe ich eine Wahl?\u2018\u201c Abgesetzt in einer neuen Zeile steht die Antwort \u201eNein.\u201c Absatz. \u201eDas sagt der Held.\u201c Nun l\u00e4sst uns die Autorin wieder mit drei Sternchen etwas Luft, bevor die Protagonistin mit ihrem Kind zum Spielplatz geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zunehmend entwickelt sich Lizzie Richtung Prepper-Szene und studiert, wie die Vorbereitung auf jedwede Art von Katastrophen zu perfektionieren ist. Und das alles in New York in den Monaten vor und nach der Wahl Donald Trumps. Er wird nicht namentlich erw\u00e4hnt, wohl aber das Atmosph\u00e4rische geschildert, das mit dieser Entscheidung einhergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, dass in diesem Nebeneinander von Profanem, Weitl\u00e4ufigem und Wichtigem kurze, fragmentarische Anekdoten ein Stilmittel sind, das auflockert und nichts schwer werden l\u00e4sst, zumal Lizzie als wissbegierig und neugierig konzipiert ist. Ob Mythen, psychologisches und naturwissenschaftliches Wissen, Temperatur-Prognosen f\u00fcr New York im Jahr 2047 oder Aussagen wie dass traditionell im Judentum Gl\u00fcck und Kummer gemischt sein m\u00fcssen \u2013 Jenny Offill \u00fcberrascht immer wieder mit Ankl\u00e4ngen, die \u00fcberzeugend in die Abfolge der Text-Fragmente eingewoben sind. Dezent dosiert sind Ironie und Witz, was angesichts apokalyptischer Tendenzen eher Seltenheitswert haben d\u00fcrfte. <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2020\/feb\/13\/weather-by-jenny-offill-review\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">The Guardian<\/a>, New York, schreibt dazu am 13. Februar 2020: \u201eOffill pulls us in close in order to make us worry about things outside us; mirrors the self to show us what we are selfishly ignoring.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er mag recht haben, da wir ja alle viele Alltagssplitter meistern m\u00fcssen \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob wir uns um die Klima-Katastrophe sorgen oder nicht. Vielleicht ist das das Geheimnis, warum wir Lizzie \u00fcber sechs Kapitel folgen und es letztlich fast doch noch ein geschmeidiges Leseerlebnis wird \u2013 auch wenn die ungew\u00f6hnliche Erz\u00e4hlstruktur etwas Toleranz erfordert. Entlassen werden wir jedoch mit einem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.obligatorynoteofhope.com\" target=\"_blank\">Link<\/a>, der uns weiter besch\u00e4ftigen k\u00f6nnte: Dort geht es um die Frage: Wie k\u00f6nnen wir uns eine Zukunft vorstellen und schaffen, in der wir leben wollen? Die Bildergalerie stellt \u201eMenschen mit Gewissen\u201c vor, darunter unter anderem Sophie Scholl, White Rose.<\/p>\n\n\n\n<p>Jenny Offill: Wetter.<br>Aus dem Englischen von Melanie Walz.<br>Piper Verlag, M\u00fcnchen 2021.<br>224 Seiten , 20,00 EUR.<br>ISBN-13: 9783492070577<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenny Offills Roman \u201eWetter\u201c destilliert knappe Alltags- und Gedankensplitter Man mag von \u201eschlankem Erz\u00e4hlen\u201c angetan sein, einen Spannungsbogen verhei\u00dft das Auff\u00e4deln von knappen Beobachtungen und Gedanken in dem Roman Wetter aber nicht. Die leise Grundmelodie bildet der Ruin unseres Planeten. 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