{"id":897,"date":"2021-04-20T12:55:12","date_gmt":"2021-04-20T12:55:12","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=897"},"modified":"2021-04-26T14:50:26","modified_gmt":"2021-04-26T14:50:26","slug":"ausfluege-auf-unsicheres-terrain","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=897","title":{"rendered":"Ausfl\u00fcge auf unsicheres Terrain"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hans Gerhard: Aber m\u00f6glich, m\u00f6glich muss es doch sein. Kurzgeschichten<\/strong><\/p>\n<p class=\"rez\">\u201eAber m\u00f6glich, m\u00f6glich muss es doch sein\u201c \u2013 dieses Bohrende im Titel hat etwas mit Unbeirrbarkeit und Nichtnachlassen zu tun. Zwei Eigenschaften, die den Schreibstil des Autors Hans Gerhard gut charakterisieren. Was er erz\u00e4hlt, lebt genau von dieser Herangehensweise an Situationen, in denen sich Verhalten auf unsicherem Terrain spiegelt oder die das Abseitige im Alltag hervorkehren. Das Ganze verpackt in 15 \u00fcberraschende Kurzgeschichten, gew\u00fcrzt mit hintergr\u00fcndigem Humor oder feinsinniger Ironie.<!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">Einen guten Eindruck von dem zu erwartenden Lese-Erlebnis vermittelt der Klappentext. Da entrollt sich ein Gedankenfaden \u00fcber die Liebe, dem erst nach 172 W\u00f6rtern ein Punkt ein vorl\u00e4ufiges Ende setzt. Er stammt aus der Geschichte \u201e<i>Prud\u2019homme<\/i>\u201c, die zu den k\u00fcrzeren in diesem Buch z\u00e4hlt. Prud\u2019homme k\u00f6nnte man mit Gentleman \u00fcbersetzen, ein weiser, vorsichtiger Mann. Trotz der beachtlichen Satzl\u00e4nge ist hier kein Wort zu viel, alles bleibt anschaulich und glaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p class=\"rez\">In\u00a0<i>Can\u2019t keep safe what wants to break<\/i>\u00a0wird ein Kurzurlaub mit so vielen Leerstellen erz\u00e4hlt, dass die Interpretationsfreiheit der LeserInnen stark herausgefordert ist. Beklagen Lektoren heutzutage h\u00e4ufig den \u201eInfodump\u201c (vor allem in Erstlingswerken), der aufgrund seiner \u00dcberfrachtung der Phantasie von RezipientInnen keine Chance l\u00e4sst, wird hier dessen Gegenteil auf die Spitze getrieben. Da will ein Mann allein sein bei Sauwetter in einem Leuchtturm und gelegentlich Spazierg\u00e4nge am Meer unternehmen \u2013 doch pl\u00f6tzlich st\u00f6rt er sich an einem Kreuz in N\u00e4he der Klippen, auf dem eine Schwarzwei\u00df-Fotografie verewigt ist. Was es mit dem Abgebildeten auf sich hat, kann man erahnen. Aber warum er den Urlauber gleichzeitig anzieht wie abst\u00f6\u00dft, bleibt ein R\u00e4tsel. Immerhin kann man sich etliches dazu denken. Wenn das innere Frieren der Seele zum Ausdruck kommen soll, ist dies gelungen. Eine Vorg\u00e4nger- oder Nebenbuhler-Geschichte k\u00f6nnte mitschwingen. Oder auch nur der fehlgeleitete Impuls eines Hypersensiblen, der sein heroisches Trotzen gegen Wind und Wetter in unwirtlicher Gegend durch einen Gedenkstein geschm\u00e4lert sieht.<\/p>\n<p class=\"rez\">Sehr unterschiedliche Geschichten sind in diesem Band zusammengefasst, sieben davon wurden vorher bereits in Literaturzeitschriften (<i>Die Horen<\/i>,\u00a0<i>Streckenl\u00e4ufer<\/i>,\u00a0<i>Chaussee<\/i>\u00a0u. a.) ver\u00f6ffentlicht. Vielleicht hat sich der Conte Verlag deshalb f\u00fcr Franz\u00f6sische Broschur entschieden und nicht f\u00fcr Hardcover wie bei der Kurzgeschichten-Sammlung\u00a0<i>Mehr Zuhause als ich<\/i>, die 2017 erschien und insgesamt homogener wirkte. Wieder ist Banales gerade recht, um ihm Spannung abzugewinnen. Nur einiges f\u00e4llt aus diesem Rahmen \u2013 wie beispielsweise die dystopische Fantasy\u00a0<i>Aus einem Brief Shakespeares an einen Freund<\/i>.<\/p>\n<p class=\"rez\">Genau das breite Spektrum an Deutungsm\u00f6glichkeiten ist es, die Hans Gerhards Geschichten lange im Ged\u00e4chtnis bleiben lassen. Die meisten kommen scheinbar absichtslos daher, ihr Verlauf erweist sich aber als folgerichtig und muss nicht zu wichtigen Erkenntnissen f\u00fchren. Rasch flackert etwas auf, wird nicht zu Ende gedacht, und trotzdem wei\u00df man Bescheid, wohin der Hase l\u00e4uft, obwohl \u2013 um im Bild zu bleiben \u2013 es weder ein Hase noch ein Laufen sein muss. Der Gedankenansatz kann rasch in sich zusammenfallen, versickern, verschwinden oder einfach wie ein Dieb abhauen. Unterhaltsam sind die Gedankensplitter, die kurz und fl\u00fcchtig ans Bewusstsein klopfen. Sie versetzen in den Kopf des Protagonisten, oft ein Ich-Erz\u00e4hler, der m\u00e4andert, aber dass er seine Richtung nicht verfehlt, dass sein Urheber uns ganz sicher da hinf\u00fchrt, wo ein logischer Schlusspunkt hinter die Sequenz gesetzt werden kann, darauf k\u00f6nnen wir uns verlassen.<\/p>\n<p>Hans Gerhard: Aber m\u00f6glich, m\u00f6glich muss es doch sein. Kurzgeschichten.<br \/>Conte-Verlag, St. Ingbert 2019.<br \/>256 Seiten, 16,00 EUR.<br \/>ISBN-13: 9783956021985<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Gerhard: Aber m\u00f6glich, m\u00f6glich muss es doch sein. Kurzgeschichten \u201eAber m\u00f6glich, m\u00f6glich muss es doch sein\u201c \u2013 dieses Bohrende im Titel hat etwas mit Unbeirrbarkeit und Nichtnachlassen zu tun. Zwei Eigenschaften, die den Schreibstil des Autors Hans Gerhard gut charakterisieren. 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