{"id":893,"date":"2021-04-21T12:46:12","date_gmt":"2021-04-21T12:46:12","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=893"},"modified":"2021-04-26T14:50:03","modified_gmt":"2021-04-26T14:50:03","slug":"verliebt-und-weiterhin-im-zwiespalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=893","title":{"rendered":"Verliebt und weiterhin im Zwiespalt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Steffen Schroeder entf\u00fchrt in \u201eMein Sommer mit Anja\u201c beschwingt in die 80er Jahre<\/strong><\/p>\n<p class=\"rez\">Der Mutigste ist Konrad nicht, doch er knickt nicht ein, wenn es gilt, Geheimnisse zu bewahren, Bew\u00e4hrungsproben zu bestehen und Freundschaft mit Schw\u00e4cheren trotz der Frotzeleien anderer Teenies durchzuhalten. 13 oder 14 Jahre mag er jung sein, als er Anja begegnet, die so ganz anders ist als die albernen M\u00e4dchen, die er sonst so kennt. Aus seiner Perspektive erleben wir einen Sommer in M\u00fcnchen \u2013 1980er Jahre, gesichertes Milieu, bereit f\u00fcr vergn\u00fcgliche Ferien und neue Erfahrungen. Autor Steffen Schroeder trifft das Zeitkolorit und die Stimmung des planlosen Hineinwachsens in Hausforderungen, mit denen das Erwachsenwerden Fahrt aufnimmt.\u00a0<i>Mein Sommer mit Anja<\/i>\u00a0erz\u00e4hlt von Freundschaft, zarter Verliebtheit und Verrat.<!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">Drei Hauptakteure tragen die Geschichte: der Normalo Konrad, Holger \u2013 ein 17j\u00e4hriger mit Handicap \u2013 und Anja, die auftaucht, als der geliebte Buntspecht begraben werden muss. Die Jungs haben ihn oft bewundert in ihrem Versteck zwischen B\u00fcschen und Str\u00e4uchern, wo sie in den Himmel blickten und \u201eabhingen\u201c, wie man heute sagen w\u00fcrde. \u201eHandicap\u201c ist damals als Bezeichnung noch nicht in aller Munde, sondern Holger gilt schlichtweg als behindert bzw. zur\u00fcckgeblieben. Diskriminierungen durch Gleichaltrige bleiben nicht aus, was die Frage nach Solidarit\u00e4t aufwirft, da Konrad ja \u201edazugeh\u00f6ren\u201c will und trotzdem eine geheime Kraft ihn davon abh\u00e4lt, sich auf die Seite der gemeinen Qu\u00e4lgeister zu stellen.<\/p>\n<p class=\"rez\">Eine Situation wie ein schwankendes Boot skizziert Schroeder hier. Dieses Stilmittel gelingt ihm im Verlauf des Romans immer wieder. Damit zeigt er jene Zwiesp\u00e4ltigkeit auf, die dieser Lebensphase eigen ist, in der es tastende Experimente, kleine Siege, aber kein Heldentum gibt. Die andere St\u00e4rke dieses Buchs ist, wie das Flair der 80er Jahre vermittelt wird: Wenn die\u00a0<i>Top Ten<\/i>\u00a0im R\u00f6hrenradio pr\u00e4sentiert werden, darf man nur auf Zehenspitzen durchs Haus gehen, weil der gro\u00dfe Bruder die Titel mit dem Kassettenrekorder per Mikrofon auf eine \u201efrische Chrome-BASF-Kassette\u201c aufnimmt. Feinde dieser Aktion sind Verkehrsmeldungen oder plappernde Moderatoren, die zwischenreinplatzen. Und dass ein Fernseher ohne aufzustehen ein- und ausgeschaltet werden kann, ist noch ein Privileg von Haushalten mit gehobenem Einkommen.<\/p>\n<p class=\"rez\">Es ist einfach nett zu lesen, wie die Jungs sich ihr Taschengeld im Freibad \u201eFloriansm\u00fchle\u201c am Eisbach aufbessern: regelm\u00e4\u00dfig luchsen sie den kartenspielenden Rentnern Pfandflaschen ab, f\u00fcr sie mutiert Konrad auch gerne zur Jukebox und singt auf Bestellung deren Lieblingssongs, die er auswendig kann. Geschrieben ist das unaufgeregt und in klaren S\u00e4tzen. Der Autor beweist ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Witz und Glaubw\u00fcrdigkeit, leuchtet die Schaupl\u00e4tze sensibel aus und setzt die Schnitte mit dramaturgischem Geschick. Nur einmal irritiert er \u2013 als er dem erwachsenen Konrad unvermittelt zwei Seiten mit Ehe-Kater und Joggen widmet, wirkt das deplatziert.<\/p>\n<p class=\"rez\">Das Abweichen von der Norm begegnet uns nicht nur in Holger, sondern auch in Anja, die bereits H\u00e4rten des Lebens kennengelernt hat, die sich Konrad gar nicht vorstellen kann. Ein trotziges M\u00e4dchen, das Regeln bricht und \u201ewild\u201c lebt. Aus gutem Grund gibt Anja \u00fcber sich nur sehr wenig und das sehr z\u00f6gerlich preis. Wo in einer Dreiecksfreundschaft eine Person auf Geheimnissen basiert, pflanzen sich diese fort; Konrad verliebt sich, bringt Anja heimlich Essen und muss \u2013 anders als fr\u00fcher \u2013 daheim \u00f6fter mal zu einer L\u00fcge greifen. Nicht zuletzt befruchtet das seine Reflexion \u00fcber sich in Bezug auf die Welt. Die Leichtigkeit der Erz\u00e4hlung leidet nicht darunter.<\/p>\n<p class=\"rez\">Die Figuren sind schl\u00fcssig konzipiert. Besonders die des Holgers ist hervorragend gelungen. Dem fein austarierten Miteinander der drei muss jedoch noch ein Abenteuer die Krone aufsetzen: die Erkundung des Zeltlagers von Stadtstreichern, die Eindringlingen nicht gerade zimperlich begegnen. Dieses Abenteuer nimmt einen glimpflichen Ausgang \u2013 im Gegensatz zu einer Asti-Spumante-Bootsparty mit dem Credo \u201eIch will einfach sein wie alle anderen.\u201c<\/p>\n<p class=\"rez\">Steffen Schroeder sch\u00fcrft in die Tiefe, ohne in der Schwere zu landen. Es scheint ihn zu interessieren,\u00a0<i>Was alles in einem Menschen sein kann<\/i>. So hei\u00dft sein erstes Buch, das 2017 seine Erfahrungen als Vollzugshelfer eines verurteilten M\u00f6rders zusammenfasst. Bekannt ist er einem breiten Publikum als Schauspieler, der unter anderem in der Serie\u00a0<i>SOKO Leipzig<\/i>\u00a0als Oberkommissar auslotet, wie vielf\u00e4ltig das Spannungsfeld zwischen T\u00e4tern und Opfern gestrickt sein kann.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Steffen Schroeder: Mein Sommer mit Anja.<br \/>Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020.<br \/>203 Seiten , 20,00 EUR.<br \/>ISBN-13: 9783737100717<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steffen Schroeder entf\u00fchrt in \u201eMein Sommer mit Anja\u201c beschwingt in die 80er Jahre Der Mutigste ist Konrad nicht, doch er knickt nicht ein, wenn es gilt, Geheimnisse zu bewahren, Bew\u00e4hrungsproben zu bestehen und Freundschaft mit Schw\u00e4cheren trotz der Frotzeleien anderer Teenies durchzuhalten. 13 oder 14 Jahre mag er jung sein, als er Anja begegnet, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-893","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-buchtipps","7":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=893"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":930,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/893\/revisions\/930"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}