{"id":507,"date":"2018-02-19T19:57:51","date_gmt":"2018-02-19T19:57:51","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=507"},"modified":"2019-02-19T19:59:07","modified_gmt":"2019-02-19T19:59:07","slug":"zeiten-wechsel-mit-omi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=507","title":{"rendered":"Zeiten-Wechsel mit \u201eOmi\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Helmut Kuhn ist mit der Romanfigur Holli Umsiedler ein warmherziger Vergangenheitsforscher gelungen<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Wenn einer Holli Umsiedler hei\u00dft und sich seiner heimatvertriebenen Omi annimmt, klingt das nach einer schicksalhaften Verschr\u00e4nkung ohne Schn\u00f6rkel. Tats\u00e4chlich tr\u00e4gt dies die Grundstimmung des Romans Omi von Helmut Kuhn, einem Autor, der sehr gewandt mit Sprache umgehen kann und von dem literarisch vermutlich noch einiges zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Nur w\u00fcnscht man sich, dass er k\u00fcnftig seine Experimentierfreude etwas z\u00e4hmt oder besser kanalisiert. Denn weil die Geschichte mit der Omi, der er gerne eine R\u00fcckkehr in die Heimat erm\u00f6glichen m\u00f6chte, nicht allzu \u00fcblich geraten soll, ist ein \u00fcberirdisches Wesen hineingewebt, das ungerechtfertigt Aufmerksamkeit absorbiert. Zwar ist dieses surreale Lichtm\u00e4dchen namens Marylong am\u00fcsant und weist mit spitzen Fingern in futuristische anmutende Fantasie-Welten, aber der Versuch, sie mit der Welt der Heiligen von anno dazumal zu verquicken, provoziert Grinsen wie bei einer Satire. Das sollte vielleicht auch so sein, aber der wohl ebenfalls beabsichtigte Effekt, die Jugend mit ins Boot zu holen bei einer Materie, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich eher \u00e4ltere Semester fesselt, verliert dadurch erheblich an Wirkkraft.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nWeil aber jedes Buch ein Alleinstellungsmerkmal braucht, kann man die Kunstfigur Marylong durchgehen lassen, obwohl sie manchmal mehr st\u00f6rt, als dass sie das Spiel \u201eZeiten-Wechsel\u201c wirklich gut illustriert. Dass man seitens des Verlages auf die Kombination \u201eFamiliengeschichte und Roadtrip\u201c (Cover) verfallen ist, weist wiederum auf das Lieb\u00e4ugeln mit LeserInnen unter 40 hin und entspricht Gott sei Dank nicht dem Inhalt des Romans. Wohl aber darf man den Adjektiven \u201eeinfallsreich, warmherzig und \u2026 charmant\u201c Glauben schenken.<\/p>\n<p>Die Omi (Jahrgang 1921) hat ein Frauenschicksal, das viele ihrer Generation erlitten: kaum verliebt, verlobt, verheiratet \u2013 schon raubt der Tod den Mann. Den letzten Brief von der Front bewahrt sie im Portemonnaie auf. Dass er sich \u00fcber 60 Jahre so gut gehalten hat wie dargestellt, ist wohl der k\u00fcnstlerischen Freiheit des Autors zuzurechnen. Holli ist bei der Omi und ihrem zweiten Mann August aufgewachsen, weil die Mutter (Jahrgang 1941)\u2026 Ja, deren Schicksal spielt keine Rolle, wobei es sich in dem hier relevanten Ausschnitt \u2013 n\u00e4mlich des Verzichts auf die Erziehung ihres Spr\u00f6sslings \u2013 eben aus dem Zeitgeschehen ableiten l\u00e4sst, das von Katastrophen wie Krieg und Vertreibung gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Omi ist jedenfalls lebenst\u00fcchtig gewesen, ehe sie pflegebed\u00fcrftig wurde. Die gedanklichen Reisen in die Vergangenheit unternimmt sie verbal mit ihrem Enkel. Doch als sie ins Pflegeheim muss und er ihren Haushalt aufl\u00f6st, entf\u00fchren ihn Briefe und andere Erinnerungsst\u00fccke ebenfalls in das Leben der Gro\u00dfmutter und ihre einstige Heimat, das Sudetenland. Der Autor verzichtet weitgehend auf Interpretationen, die heutzutage gerne einem Text unterlegt werden, um damaligem Geschehen aus heutiger Sicht das \u201epolitische Korrekte\u201c angedeihen zu lassen. Dieser Verzicht ist ein Plus des Romans. Lesende verstehen auch so, wenn zwischen privaten Briefen ein Verpflichtungsschein auftaucht: \u201eDer Gefr. Kreuzberg verpflichtet sich f\u00fcr weitere zehn Dienstjahre bis zur Vollendung des 12. Dienstjahres zu allen Dienstleistungen in der Wehrmacht\u2026 Schreckliches Getrenntsein. Danke f\u00fcr dein Verst\u00e4ndnis.\u201c Das Bedr\u00fcckende erh\u00e4lt in diesem Roman aber nie die Oberhand. Auch nicht, wenn um die Einschr\u00e4nkungen durch Omis Demenz-Erkrankung geht. Die alte Frau m\u00f6chte heim, wei\u00df aber nicht mehr, wo das ist. Die Desorientierung wird genauso glaubhaft geschildert wie das Bestreben des Enkels, sie so oft wie m\u00f6glich zu besuchen, ihr insgesamt nahe zu sein und gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Die Liebe zur Omi verstellt Holli Umsiedler aber nicht den Blick. Die Umst\u00e4nde werden nicht verkl\u00e4rt. \u201eWarum ist es am Ende so w\u00fcrdelos?\u201c Kurz und knapp dr\u00fcckt der Enkel sein Mitgef\u00fchl und Bedauern mit dieser Frage aus. Dennoch vermag der Erz\u00e4hlstil ein Versinken in Beschwernis, Trost- und Ausweglosigkeit zu vermeiden, der Eindruck einer neugierigen Wanderung zwischen verschiedenen Epochen und Sph\u00e4ren l\u00e4sst keine Endzeitstimmung aufkommen. Es ist vollkommen unerheblich, ob Holli tats\u00e4chlich mit dem Transporter vorf\u00e4hrt und die Greisin, die inzwischen im Haus am Frauenberg (solche Namensgebungen w\u00fcrzen den Roman an mehreren Stellen) Gebisse und Gummib\u00e4rchen stibitzt, zu einem Ausflug ins heutige Tschechien abholt. Die Kraft liegt darin, dass sich R\u00fcckblenden und Gegenwart abwechseln und Bewertungen entbehrlich sind. Da ist keine Befangenheit dem Gestern gegen\u00fcber, kein Gefangensein auf vorbestimmtem Pfad, sondern es dominiert die vitale Betrachtung, gelegentlich in nahezu spielerischer Manier. Jede Menge Schicksal wird vergegenw\u00e4rtigt, aber der \u201eZeiten-Wechsel\u201c schwingt immer mit, denn nichts bleibt, wie es ist.<\/p>\n<p>Diesem Roman merkt man an, dass sein Autor Helmut Kuhn (Jahrgang 1962) schon aus vielerlei Perspektiven die Welt betrachten konnte \u2013 unter anderem verfasste er als Co-Autor zusammen mit Murat Kurnaz F\u00fcnf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo (2007). Er war Reporter f\u00fcr namhafte Printmedien und lebt heute als Autor und Dozent f\u00fcr Journalistik und kreatives Schreiben in Berlin.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Helmut Kuhn: Omi. Roman.<br \/>\nFrankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2016.<br \/>\n318 Seiten, 21,00 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783627002329<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Kuhn ist mit der Romanfigur Holli Umsiedler ein warmherziger Vergangenheitsforscher gelungen Von Renate Schauer Wenn einer Holli Umsiedler hei\u00dft und sich seiner heimatvertriebenen Omi annimmt, klingt das nach einer schicksalhaften Verschr\u00e4nkung ohne Schn\u00f6rkel. 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