{"id":501,"date":"2018-02-19T19:53:19","date_gmt":"2018-02-19T19:53:19","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=501"},"modified":"2019-02-19T19:55:04","modified_gmt":"2019-02-19T19:55:04","slug":"seine-feigheit-verstoert-den-herrn-staatsanwalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=501","title":{"rendered":"Seine Feigheit verst\u00f6rt den Herrn Staatsanwalt"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Klaus Marxen l\u00e4sst in seinem Roman \u201eWeiheraum\u201c Zeitgeschichte in schicksalhaften Verstrickungen lebendig werden<\/div>\n<div class=\"tippstext\">\n<p>Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Mit \u201eWeiheraum\u201c legt Klaus Marxen einen Roman vor, der episodisch im Pr\u00e4sens zwei Personen in unterschiedlichen Sph\u00e4ren in die Katastrophe f\u00fchrt. Verdeutlicht werden Charaktere und deren Schicksale im zeitgeschichtlichen Kontext von 1901 bis 1950. Man ahnt, welche Wirren die Protagonisten vor heikle Fragen stellen, zumal ein Strang der Handlung in Berlin und der andere in S\u00fcdm\u00e4hren angesiedelt ist. Die Wege des tschechischen M\u00e4dchens Leuka und des Berliner Staatsanwalts Friedrich Liedke kreuzen sich im Wiener Landgericht. Das wird im Vorwort verraten, in dem es au\u00dferdem hei\u00dft, die Wirklichkeit tauge lediglich dazu, Spuren zu legen \u2013 dagegen m\u00fcsse die Wahrheit erzeugt werden.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Weiheraum im Wiener Landgericht umf\u00e4ngt den Erz\u00e4hler. Dort findet er die Namen jener, denen in diesem \u201eGeb\u00e4ude [\u2026] in nationalsozialistischer Zeit das Leben geraubt wurde\u201c. So spornen Titel und Vorwort des Buches die Neugier an \u2013 der Weg zum tragischen Ende will nachvollzogen werden. Wo h\u00e4tte es M\u00f6glichkeiten gegeben, die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken? Was kann man davon f\u00fcr die Zivilcourage in heutiger Zeit ableiten? Autor Klaus Marxen, selbst Jurist \u2013 Geschichte und Philosophie hat er ebenfalls studiert \u2013, erzeugt Wahrheit mittels ausf\u00fchrlicher Schilderungen, hat jedoch alle Personen, Begebenheiten und Orte frei erfunden. Friedrich Liedke, an Kaiser Wilhelms II. Geburtstag 1901 geboren, ist eigentlich ein empfindsamer Mensch. Doch auch er will vorankommen, kein unn\u00f6tiges Aufsehen erregen, das geregelte Leben nicht gef\u00e4hrden. Eigene Kinder sind ihm und seiner Frau Edith nicht verg\u00f6nnt und der gewichtige Schritt zu einer Adoption f\u00e4llt nicht gerade leicht, allerdings sind die Begleiterscheinungen f\u00fcr Friedrich umso qualvoller, weil er pl\u00f6tzlich nicht ausschlie\u00dfen kann, die Mutter des Kindes auf dem Gewissen zu haben.<\/p>\n<p>Schon lange bevor Liedkes die kleine Ingrid im Lebensborn-Heim abholen, ist dem Protagonisten Friedrich viel Zaudern auf den Leib geschrieben. Sein Vater, Konrektor an einem Realgymnasium, verk\u00f6rpert ihm gegen\u00fcber eher den harten Preu\u00dfen. Doch Adolf Hitler findet er anma\u00dfend und ver\u00fcbelt seinem Sohn dessen Parteimitgliedschaft. Trotz stetig wiederkehrender Zweifel kann es sich der Jurist Friedrich jedoch nicht leisten, aus der Partei auszutreten und sp\u00e4ter beim Volksgerichtshof Anklagen jenseits der Konformit\u00e4t zu formulieren. \u201eWas Friedrich Liedke verst\u00f6rt, das ist seine Feigheit.\u201c Dass die \u201eGef\u00e4hrdung des Staates im Krieg zu harten Abwehrma\u00dfnahmen zwingt\u201c, will er sich angesichts der Hinrichtungen in seiner unmittelbaren N\u00e4he in Wien zwar beschwichtigend einreden, kann aber mit dem scharfen Wind, der in der Justiz weht, innerlich keine \u00dcbereinkunft finden. So besiegelt er 1943 schlie\u00dflich das Schicksal der zum Tode verurteilten, hochschwangeren Helena Cermak, geboren 1918 in S\u00fcdm\u00e4hren, die ihrem schwer verletzen Bruder, einem \u201eStaatsfeind\u201c, geholfen hatte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich f\u00e4llt Friedrich Liedke dieser Fall immer wieder ein, denn er wei\u00df nicht, wohin das Kind der Hingerichteten gebracht worden ist. Wie es sich geh\u00f6rt, wird das Geheimnis erst am Schluss gel\u00fcftet. Die locker skizzierte Aufl\u00f6sung wirkt n\u00fcchtern und knapp, was fast ein wenig schade ist, denn schlie\u00dflich ist man an ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlte Ereignisse und Schicksalswendungen mit fesselnden Untert\u00f6nen gew\u00f6hnt. Doch mehr als der pragmatische Schluss h\u00e4tte nicht in diesen Spannungsbogen gepasst, war doch der Roman nicht in erster Linie auf ein Familiendrama hin angelegt, sondern darauf, Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen und dazu Fragen aufzuwerfen, die an Aktualit\u00e4t nicht verlieren.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hlstrang auf b\u00f6hmischer Seite beginnt, als die Oma dieses im Gef\u00e4ngnis geborenen Kindes von Janek Cermak schwanger ist, der aber sein Junggesellendasein nicht aufgeben will. Mit etwas Nachhilfe kommt es dann doch zur Heirat, und letztlich hat Olga sechs Kinder von ihm gro\u00dfzuziehen. Als Familienvater taugt Janek Cermak jedoch nicht. Erst verdingt er sich als Heizer auf einer Lokomotive, sp\u00e4ter als Handelsvertreter f\u00fcr Textilien, zwischendurch leistet er sich \u2013 entsprechend seines Naturells \u2013 riskante Eskapaden. Trefflicher k\u00f6nnte man einen Kontrast zu der disziplinierten Familie Liedke nicht schaffen.<\/p>\n<p>Olga Cermak betreibt eine Gastwirtschaft und kann sich au\u00dferdem auf ihre Eltern st\u00fctzen, deren kleine Landwirtschaft erg\u00e4nzend als Lebensgrundlage manche Engp\u00e4sse abmildern hilft. Nach dem Ersten Weltkrieg w\u00e4chst der Stolz der tschechischen Bev\u00f6lkerung auf ihren Staat, dann werden Teile vom Deutschen Reich annektiert und vorbei ist es mit der friedlichen Atmosph\u00e4re. Wer dann \u2013 wie Tomas, einer der S\u00f6hne von Olga \u2013 w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gegen die herrschenden Deutschen intrigiert oder im Untergrund k\u00e4mpft, wird gnadenlos verfolgt und bestraft. So wird Lenka (Helena) wegen ihrer famili\u00e4ren F\u00fcrsorge verraten und verurteilt.<\/p>\n<p>Nach Kriegsende wird Friedrich Liedke verhaftet. Von nun an qu\u00e4lt ihn nicht nur die Frage, ob er die Mutter seiner Adoptivtochter hat umbringen lassen, sondern wie sehr er in Verbrechen verstrickt war, die er als solche nicht erkannt oder im Anpassungsdruck verharmlost hat. Derweil umsorgt seine Schwester Elisabeth in J\u00fcterborg das Kind und seine Frau, die 1948 stirbt. Ingrid liebt ihre Tante Lisa und h\u00e4ngt sehr an der Katze Jasmin. Auch Friedrich hatte als Kind ein K\u00e4tzchen bekommen, das er Jasmin nannte. Dieses Band zwischen einst und heute symbolisiert eine Verbindung zwischen Ingrid und ihrem Vater, an den sie keine Erinnerung mehr hat. Sie war zu klein, als Friedrich damals aus der Wohnung in Berlin abgef\u00fchrt wurde. Ihre Mutter hatte ihr aufgetischt, der Vater sei im Krieg von den Russen verschleppt worden.<\/p>\n<p>Liedke verbringt f\u00fcnf Jahre im Lager Sachsenhausen, bevor er in Waldheim zum Tode verurteilt wird. Es n\u00fctzt nichts, dass sein Verteidiger unterstreicht, Liedke habe lediglich in gutem Glauben gehandelt und sei als Mitl\u00e4ufer einzustufen. Marxen kn\u00fcpft mit seinem Roman an tats\u00e4chliche Geschehnisse an und f\u00fchrt hier vor Augen, dass in der jungen DDR noch eine t\u00f6dliche Justizmaschinerie wirksam war. \u201eUnrecht im Gewand des Rechts\u201c \u2013 diese Worte gebraucht der Klappentext des Buches f\u00fcr die Praxis im Volksgerichtshof wie in den Waldheimer Prozessen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich handelt es sich nicht nur, wie eingangs komprimierend vorausgeschickt, um die Schicksalslinien zweier Personen, sondern immer ist mindestens das \u201eSystem Familie\u201c betroffen, wenn das \u201eSystem Staat\u201c die Entscheidung zwischen Recht und Unrechtsempfinden zu einem unl\u00f6sbaren Dilemma werden l\u00e4sst. Ja, ganze Generationen sind von dem Ph\u00e4nomen gezeichnet, sich mit etwas arrangiert zu haben, f\u00fcr das man nur auf Verst\u00e4ndnis bei den unter anderen Verh\u00e4ltnissen Nachgeborenen hoffen kann. Gerade weil in beiden Handlungsstr\u00e4ngen die Charaktere glaubw\u00fcrdig und die Ereignisse im Grundansatz unspektakul\u00e4r sind, zeigt der Roman besonders schmerzlich die Unbezwingbarkeit von Zwickm\u00fchlen in totalit\u00e4ren Systemen, in denen die Rechtspflege bekanntlich die herrschende Ideologie legitimieren soll.<\/p>\n<p>Interessant ist der Aufbau des Romans, der sich in drei Teile gliedert, von Kapitel zu Kapitel jeweils die Perspektive wechselt (was der Wechsel zur Kursivschrift und zur\u00fcck unterstreicht) und mit R\u00fcckblenden arbeitet, die nichts in die Ferne r\u00fccken lassen. Das Gef\u00fchl, immer unmittelbar dabei zu sein, rei\u00dft nicht ab. Und obwohl einerseits die Genauigkeit des ehemaligen Gerichtsberichterstatters Marxen manchmal an Geduldsproben erinnert, bef\u00f6rdert die K\u00fcrze der Kapitel den Stoff flott und abwechslungsreich. Eine beeindruckende Lekt\u00fcre.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Klaus Marxen: Weiheraum. Roman.<br \/>\nBouvier Verlag, Bonn 2015.<br \/>\n260 Seiten, 19,99 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783416033893<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Marxen l\u00e4sst in seinem Roman \u201eWeiheraum\u201c Zeitgeschichte in schicksalhaften Verstrickungen lebendig werden Von Renate Schauer Mit \u201eWeiheraum\u201c legt Klaus Marxen einen Roman vor, der episodisch im Pr\u00e4sens zwei Personen in unterschiedlichen Sph\u00e4ren in die Katastrophe f\u00fchrt. Verdeutlicht werden Charaktere und deren Schicksale im zeitgeschichtlichen Kontext von 1901 bis 1950. 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