{"id":497,"date":"2018-02-19T19:51:32","date_gmt":"2018-02-19T19:51:32","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=497"},"modified":"2019-02-19T19:53:03","modified_gmt":"2019-02-19T19:53:03","slug":"wenn-schicksal-gnadenlos-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=497","title":{"rendered":"Wenn Schicksal gnadenlos macht"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Guido Kniesel thematisiert Zwangsl\u00e4ufigkeit jenseits pers\u00f6nlicher Verantwortung in seinem Krimi<\/div>\n<div class=\"tippstext\">\n<p>Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Mit &#8222;Kein Wille geschehe&#8220; ist Guido Kniesel ein Krimi gelungen, der trotz Spannung eine erfreuliche \u00dcbersichtlichkeit beh\u00e4lt. Das hei\u00dft, die Handlungsf\u00e4den sind nicht allzu verwirrt, die Sto\u00dfrichtung ist schnell klar. Trotzdem fesselt bis zuletzt die Frage, wer denn nun diesem m\u00f6rderischen Wahnsinn ein Ende setzt.<\/p>\n<p>Es beginnt mit einer Tat aus Eifersucht. Das Kapitel tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Ursache&#8220;. Die &#8222;Wirkung&#8220; wird in 60 Kapiteln z\u00fcgig beschrieben. Einzelnen Kapiteln voran gestellt sind Zitate, wie zum Beispiel das von Eug\u00e8ne Ionesco, franz\u00f6sisch-rum\u00e4nischer Schriftsteller (1909-1994): &#8222;Da wir die Sonne nicht versetzen, den Tod nicht verschieben k\u00f6nnen, ist es sinnlos, etwas ver\u00e4ndern zu wollen.&#8220; Es geht um das Schicksalhafte, um den Zufall, um Schuld und den freien Willen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nOffensichtlich ist der T\u00e4ter der nachfolgenden Verbrechen diesem philosophischen Spektrum verhaftet, denn zwei Mord-Opfern schreibt er &#8222;Amor Fati&#8220; auf die Stirn. Die Kriminalisten, die den Fall untersuchen, googeln den Begriff und finden als \u00dcbersetzung &#8222;Liebe zum Schicksal&#8220;. Erweiternd zitiert Kommissarin Maria Leupold: &#8222;Liebe zum Notwendigen und Unausweichlichen als Zeichen menschlicher Gr\u00f6\u00dfe&#8220;; verkn\u00fcpft ist diese Ma\u00dfgabe mit Friedrich Nietzsche. Man ahnt, dass sie in mehreren Variationen das folgende Geschehen immer wieder begleiten wird. Und man wird nicht entt\u00e4uscht: Mancher Monolog tritt die Unausweichlichkeit der Ereignisse so breit, dass es nervt. Das k\u00f6nnte als beabsichtigtes Stilmittel gew\u00e4hlt sein, unterstreicht aber auf jeden Fall die Gewissenhaftigkeit des Autors, mit der er die Akribie des T\u00e4ters darstellen will.<\/p>\n<p>Da kein Hehl daraus gemacht wird, wer der T\u00e4ter ist, erh\u00e4lt die Geschichte ihren Antrieb aus der Entr\u00e4tselung des Motivs: Warum muss er so grausam sein und was kann ihn stoppen? Was ist das f\u00fcr ein Mann, der mit so viel Ehrgeiz und Raffinesse vorgeht und andererseits grunds\u00e4tzlich davon \u00fcberzeugt zu sein scheint, dass niemand f\u00fcr etwas verantwortlich ist. Angeblich nimmt er keine Rache, kann aber nicht abbrechen, als die Qu\u00e4lerei schlie\u00dflich atemberaubende Ausma\u00dfe annimmt. Erst ist von &#8222;Erleichterung&#8220; nach einem Mord die Rede, sp\u00e4ter behauptet er, im Grunde nichts mehr zu empfinden.<\/p>\n<p>Eine gespaltene Figur also &#8211; dumm ist sie jedenfalls nicht. Man muss damit zurechtkommen, dass ihre Vielschichtigkeit keinen Platz in der Geschichte hat. Fixiert und reduziert auf das, was man nach und nach als abstruse &#8222;Wirkung&#8220; begreift, bleibt sie deshalb merkw\u00fcrdig flach. Sie ist als Einzelg\u00e4nger identifizierbar, die dem Autor Guido Kniesel fast zu ausgiebig dazu dient, die Frage der Willensfreiheit zu er\u00f6rtern. Er ist IT-Spezialist und besch\u00e4ftigte sich laut Klappentext &#8222;\u00fcber viele Jahre mit \u201aK\u00fcnstlicher Intelligenz&#8216; und der Computersimulation von biologischen Gehirnen&#8220;. Davon zeugt auch sein Deb\u00fct-Roman &#8222;Der Proband&#8220; (2011), bei dem es um eine angeblich bahnbrechende Suchttherapie Berliner Hirnforscher geht. Kein Wunder also, dass in &#8222;Kein Wille geschehe&#8220; jene Passagen \u00e4u\u00dferst beeindruckend sind, die IT-Ver- und Entschl\u00fcsselungen schildern.<\/p>\n<p>Andere St\u00e4rken: Auf den Autor ist Verlass. Er will unser Hirn nicht unn\u00f6tig strapazieren. Alles, was er erw\u00e4hnt, ist f\u00fcr die Handlung des Romans von Belang. Keine Neben-Str\u00e4nge, die als k\u00fcnstliche Spannungstreiber wie Seifenblasen zerplatzen oder im Nichts enden. Gut ist auch, dass die Polizei nur eine Nebenrolle spielt. Dadurch konzentriert sich letztlich alles aufs Essenzielle. T\u00e4ter und Opfer, dazu sekund\u00e4re Opfer &#8211; alle sind sie in einer ausweglosen Lage. Mit welcher Konsequenz die &#8222;Wirkung&#8220; der &#8222;Ursache&#8220; vorbereitet wurde, ist beachtlich. Damit straft sich der T\u00e4ter L\u00fcgen. Ohne zu viel zu verraten, kann man als eine der m\u00f6glichen Schlussfolgerungen nennen, dass Unzul\u00e4nglichkeiten des Rechtssystems in &#8222;die Kausalkette, die nicht unterbrochen werden kann,&#8220; passen, womit wir wieder bei der Frage nach individueller Verantwortung und Schuld w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Guido Kniesel: Kein Wille geschehe.<br \/>\nBookspot Verlag, M\u00fcnchen 2014.<br \/>\n303 Seiten, 14,80 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783956690266<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guido Kniesel thematisiert Zwangsl\u00e4ufigkeit jenseits pers\u00f6nlicher Verantwortung in seinem Krimi Von Renate Schauer Mit &#8222;Kein Wille geschehe&#8220; ist Guido Kniesel ein Krimi gelungen, der trotz Spannung eine erfreuliche \u00dcbersichtlichkeit beh\u00e4lt. Das hei\u00dft, die Handlungsf\u00e4den sind nicht allzu verwirrt, die Sto\u00dfrichtung ist schnell klar. Trotzdem fesselt bis zuletzt die Frage, wer denn nun diesem m\u00f6rderischen Wahnsinn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":499,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-497","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buchtipps","8":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=497"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/497\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":500,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/497\/revisions\/500"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}