{"id":494,"date":"2018-02-19T19:50:01","date_gmt":"2018-02-19T19:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=494"},"modified":"2019-02-19T19:51:27","modified_gmt":"2019-02-19T19:51:27","slug":"die-letzte-bettung-kann-vielfaeltig-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=494","title":{"rendered":"Die letzte Bettung kann vielf\u00e4ltig sein"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">&#8222;Applaus f\u00fcr Bronikowski&#8220; enttabuisiert den Bestatter-Beruf<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Bronikowski kann nichts daf\u00fcr, dass dieser leise Roman seinen Abschied von der Welt mit schwarzem Humor der Realit\u00e4t ger\u00e4uschvoll enthebt und zum angeblich gro\u00dfen Auftritt stilisiert. Die B\u00fchne daf\u00fcr ist so gew\u00e4hlt, als handele es sich um eine Burleske, die Leben und Tod in Einklang bringen m\u00f6chte. Bis auf diese Szene zum Schluss enth\u00e4lt Kai Weyands Applaus f\u00fcr Bronikowski ungeheuer viel Leichtf\u00fc\u00dfiges, \u00fcber das man sich am\u00fcsieren kann, w\u00e4hrend gleichzeitig eine Lanze f\u00fcr das Bestatterwesen gebrochen wird.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEltern, die sich mit einem Lottogewinn davonstehlen &#8211; das ist der Auftakt. Ihr Sohn Nies nennt sich seitdem NC. Das steht f\u00fcr &#8222;No Canadian&#8220;, und das C werde bittesch\u00f6n englisch ausgesprochen. Der Junge w\u00e4chst heran, sucht sein Auskommen, aber nicht unbedingt nach seiner Berufung. Vor allem will er hinter das Geheimnis der W\u00f6rter kommen. Da verschl\u00e4gt es ihn eines Tages zuf\u00e4llig in ein Bestattungsinstitut.<\/p>\n<p>Von Sensibilit\u00e4t zeugt allein schon, wie sich NC dem Institut n\u00e4hert. Komplizierte Dinge wie zum Beispiel &#8222;Liebe&#8220; h\u00e4tten mindestens zwei Silben, der &#8222;Tod&#8220; habe nur eine Silbe, und das reiche aus, denn &#8222;mehr Buchstaben [\u2026] w\u00e4ren geradezu geschw\u00e4tzig f\u00fcr ein Ereignis des Verstummens&#8220;, sinniert der Protagonist und heuert als Bestattungshelfer an. Schlie\u00dflich \u00fcberzeugt ihn der Beruf schon im Vorfeld, weil man ihn &#8211; im Gegensatz zu G\u00e4rtner oder Koch &#8211; nicht als Hobby aus\u00fcben kann.<\/p>\n<p>Da blitzt es bereits auf, das Talent, zwischen Ernst und Spa\u00df hin und her zu oszillieren, beides auch gelegentlich zu \u00fcberblenden und damit die Wachheit zu steigern. Dies macht die Perspektive des Protagonisten unverwechselbar, durchdringt seine Aktivit\u00e4ten und Konflikte. NC ist nicht nur fein- und scharfsinnig, sondern bringt auch die n\u00f6tige Empathie mit, um sich respektvoll in den Beruf einzuarbeiten. Es geht dabei in mehrerlei Hinsicht um Fingerspitzengef\u00fchl &#8211; sowohl im praktischen, als auch im \u00fcbertragenen Sinn. Und das alles in der Holperstra\u00dfe, die entlang zu gehen ihm eine B\u00e4ckereiverk\u00e4uferin mit Namen M. M\u00e4rz empfohlen hatte. Der Inhaber des Bestattungsinstituts \u00e4hnelt Abraham Lincoln und h\u00f6rt auf den Namen Manfred Wege.<\/p>\n<p>Wo Lebenswege enden, ist die Frage nach der W\u00fcrde recht nah. Doch sogar angesichts endg\u00fcltiger Abschiede schlie\u00dfen sich W\u00fcnsch- und Machbares gelegentlich gegenseitig aus. NC will es eigentlich allen recht machen, ist er doch ein grundanst\u00e4ndiger Kerl, der lediglich ungew\u00f6hnliche Fragen stellt, um sich seinen eigenen Reim auf die Gegebenheiten drechseln zu k\u00f6nnen. Und siehe da: In dem bisher \u00fcberwiegend Unschl\u00fcssigen steckt viel Festigkeit, mit der er Scheu und Vorurteilen begegnet, die dem Metier gegen\u00fcber herrschen.<\/p>\n<p>Piet\u00e4t kann \u00fcberh\u00f6ht, kitschig oder unterk\u00fchlt daherkommen &#8211; NC sucht stets den passenden Ton, die Entsprechung zum Individuum. Ihn erf\u00fcllt seine T\u00e4tigkeit, er will vermitteln, wie wertvoll sie ist. Im \u00e4u\u00dfersten Fall kommt es zu Entscheidungen wie bei dem SchauspielerBronikowski, dem Vater der B\u00e4ckereiverk\u00e4uferin M\u00e4rz, dessen letzte Reise man eine Burleske nennen k\u00f6nnte, wenn es sich um Improvisationstheater handeln w\u00fcrde. Hier erz\u00e4hlt der Autor lustvoll Absurdes, das man nicht so schnell vergisst &#8211; und f\u00fcr das man unbedingt schwarzen Humor mitbringen muss.<\/p>\n<p>Man mag sich zun\u00e4chst fragen, was den Autor geritten hat, sich so eine Episode als derben Tabu-Bruch auszudenken. Doch andererseits ist es &#8211; wie schon im Fall der improvisierten &#8222;Seebestattung&#8220; &#8211; wohltuend, dass nicht alles, was mit Tod zu tun hat, absolut todernst sein muss. Dass sich Respekt und Komik nicht ausschlie\u00dfen. Dass Trauer keine Einbahnstra\u00dfe in Ohnmacht und Tristesse ist, sondern auch andere Facetten haben darf und zun\u00e4chst Befremdliches letztlich an Blickverengungen kratzt und Widerhaken zum Weiterdenken setzt. Dies versteht Weyand in wunderbar unkomplizierter Sprache charmant zu servieren.<\/p>\n<p>NC bevorzugt es, sich seinen eigenen Reim auf die Dinge zu machen und liebt dennoch gleichzeitig Empfehlungen. Das Spannungsfeld, Wegweisungen zu folgen und dennoch einen eigenen Kopf zu behalten, bleibt \u00fcbergeordnet pr\u00e4sent. &#8222;Vielleicht bist Du deiner Zeit voraus&#8220;, sagt ihm sein Chef. Nies geht seiner Wege und sucht k\u00fcnftig nicht mehr Empfehlungen in einer B\u00e4ckerei, sondern gemeinsam mit November, dem dreibeinigen Hund, in einer Metzgerei. Ach k\u00f6nnten wir die beiden doch dabei begleiten.<\/p>\n<p>Kai Weyand: Applaus f\u00fcr Bronikowski. Roman.<br \/>\nWallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2015.<br \/>\n188 Seiten, 19,90 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783835316041<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Applaus f\u00fcr Bronikowski&#8220; enttabuisiert den Bestatter-Beruf Von Renate Schauer Bronikowski kann nichts daf\u00fcr, dass dieser leise Roman seinen Abschied von der Welt mit schwarzem Humor der Realit\u00e4t ger\u00e4uschvoll enthebt und zum angeblich gro\u00dfen Auftritt stilisiert. 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