{"id":485,"date":"2018-02-19T19:37:51","date_gmt":"2018-02-19T19:37:51","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=485"},"modified":"2019-02-19T19:39:22","modified_gmt":"2019-02-19T19:39:22","slug":"spiel-mit-saemtlichen-sinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=485","title":{"rendered":"Spiel mit s\u00e4mtlichen Sinnen"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Zw\u00f6lf Erz\u00e4hlungen mit Widerhaken von Nadine Kegele<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Helene hat ihren Freund an Anna verloren, zu deren Hochzeit sie geht \u2013 \u00fcber Pf\u00fctzen und Regenw\u00fcrmer. Eine Atmosph\u00e4re wie ein Magenschmerz. \u201eAnna sein\u201c hei\u00dft die Erz\u00e4hlung, die ein kurzes Schlaglicht auf drei (Halb-) Schwestern wirft, denen eingeimpft wurde, dass ihre Existenz am Ungl\u00fcck ihrer einsamen Mutter schuld sei. Auch die anderen elf Erz\u00e4hlungen der Vorarlberger Nadine Kegele verf\u00fcgen \u00fcber die poetische Kraft, viele knapp gefasste Aspekte unter die Haut gehen zu lassen. \u201eAnnalieder\u201c sind \u2013 da hat der Klappentext unbedingt recht \u2013 keine Sch\u00f6nwettergeschichten. Sie deprimieren trotzdem nicht.<!--more--><\/p>\n<p>Verlassen und verlassen werden, Grenz- und andere Verletzungen entringen sich den Geschichten, die rund sind, obwohl sie nur Ausschnitte beleuchten und oft genug aus verst\u00f6render Perspektive von Faktum zu Faktum springen, um mehrere Ecken biegen. Es geht keineswegs um VerliererInnen, Gestrauchelte oder andere bedauernswerte Gesch\u00f6pfe. Auch da, wo es h\u00e4sslich oder abgr\u00fcndig wird, bleiben die \u2013 \u00fcberwiegend weiblichen \u2013 Figuren aufrechte Charaktere. Das Buch lebt von genauester Beobachtung und verf\u00fchrt nicht dazu, die \u00fcbliche L\u00f6sungsorientiertheit im Kopf anlaufen zu lassen.<\/p>\n<p>Nadine Kegele, die unter anderem in dem feministischen Magazin \u201ean.schl\u00e4ge\u201c publiziert, zeigt eine unbeirrbare Routine in der Anwendung des weiblichen Blickwinkels. Ein Merkmal, das \u201eAnnalieder\u201c positiv auszeichnet. Genauso \u00fcberzeugend sind Ironie, Humor und Sarkasmus eingestreut. So verharrt man bei Tragischem nicht im Bedauern, sondern wird eventueller Schwere schnellstm\u00f6glich durch komische Elemente enthoben. Jeweils ein gelungener Kunstgriff, der beispielsweise die Episoden \u201eNachtheulen\u201c und \u201eVom Verbrennen der Elefanten\u201c zu Lieblingsgeschichten werden lassen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Bei aller Sympathie bleibt jedoch der Eindruck, als wolle die Autorin in ihrem Deb\u00fct ein wenig abstrakt und anonym bleiben und einfach Spannung in der Genauigkeit von Sprache ausprobieren. Aber die Rechnung geht nicht immer auf. Die k\u00fchle Distanziertheit macht es oft schwer, dem Verlauf der Erz\u00e4hlung zu folgen, die Schritte des Geschehens einzuordnen, Motive zu entschl\u00fcsseln. Vielleicht sollen wir hier aber auch gar nichts begreifen, sondern belehrt werden, die Begebenheiten so zu nehmen, wie sie sind, ohne sie gro\u00df kapieren zu wollen?<\/p>\n<p>Lohnt es sich, \u00fcber diesen Ansatz nachzudenken? Oder sollen wir einfach weiterlesen, immer den sorgf\u00e4ltig gegen den Strich geb\u00fcrsteten Sprachmustern auf der Spur, st\u00e4ndig gefasst auf Irritationen, deren Schwierigkeitsgrad variiert? Hut ab vor einer Autorin, die sich solche Fragen ihrer Leserschaft zuzumuten traut. Sie scheint vollkommen \u00fcberzeugt von der Selbstverst\u00e4ndlichkeit ihrer Bilder, der Redlichkeit ihrer Sprache und dem Anliegen, das sie diese \u201eAnnalieder\u201c konzipieren lie\u00df. Das verleiht den Erz\u00e4hlungen St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Anliegen? Gab es welche? Gelegentlich sind sie erahnbar, wollen sich aber nicht zu sehr aus der Deckung wagen. Hier sch\u00e4umt etwas \u2013 im besten Sinne \u2013 und wird sich in sp\u00e4teren Werken noch identifizierbarer Bahn brechen. Dass der Stil mit s\u00e4mtlichen Sinnen spielen will, ist anerkennenswert. Er r\u00fcttelt an der Wachsamkeit und besticht mit au\u00dferordentlicher Feinsinnigkeit. Wann vereinigt ein Deb\u00fct schon so viele Merkmale, die aufhorchen lassen?<\/p>\n<p>Nadine Kegele: Annalieder. Erz\u00e4hlungen.<br \/>\nCzernin Verlag, Wien 2013.<br \/>\n120 Seiten, 17,90 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783707604474<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zw\u00f6lf Erz\u00e4hlungen mit Widerhaken von Nadine Kegele Von Renate Schauer Helene hat ihren Freund an Anna verloren, zu deren Hochzeit sie geht \u2013 \u00fcber Pf\u00fctzen und Regenw\u00fcrmer. Eine Atmosph\u00e4re wie ein Magenschmerz. \u201eAnna sein\u201c hei\u00dft die Erz\u00e4hlung, die ein kurzes Schlaglicht auf drei (Halb-) Schwestern wirft, denen eingeimpft wurde, dass ihre Existenz am Ungl\u00fcck ihrer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":486,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-485","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buchtipps","8":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=485"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":487,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485\/revisions\/487"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/486"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=485"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}