{"id":481,"date":"2018-02-19T19:34:51","date_gmt":"2018-02-19T19:34:51","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=481"},"modified":"2019-02-19T19:36:57","modified_gmt":"2019-02-19T19:36:57","slug":"der-abgrund-als-zwilling-des-alltaeglichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=481","title":{"rendered":"Der Abgrund als Zwilling des Allt\u00e4glichen"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<h4>Ferdinand von Schirach erz\u00e4hlt in \u201eCarl Tohrbergs Weihnachten\u201c von logischen Entgleisungen<\/h4>\n<p class=\"rez\">Schicksalhafte Ungeheuerlichkeiten nehmen den Leser des B\u00e4ndchens \u201eCarl Tohrbergs Weihnachten\u201c gefangen. Jede Zeile verdichtet die Atmosph\u00e4re und strebt einem Resultat zu, das schlicht das Pr\u00e4dikat \u201epasst\u201c verdient. Zwar erhofft man sich, dass Lebenswege sich an solchen Abgr\u00fcnden vorbeischl\u00e4ngeln, wie sie Ferdinand von Schirach in den drei Kurzgeschichten erz\u00e4hlt, doch man wei\u00df von Anfang an, dass hier unausweichlich etwas aus den Fugen ger\u00e4t.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">So ist man ersch\u00fcttert und gleichzeitig auch eine Spur erleichtert, wenn jeweils der Wendepunkt \u00fcberschritten ist und die unterschwellige Anspannung nachlassen kann. Diese ergibt sich daraus, dass Vorschichte und Tathergang n\u00fcchtern, knapp, pr\u00e4zise und distanziert geschildert werden, als strebe die Handlung nicht auf eine Entgleisung zu. Vielmehr kann man sich darauf verlassen, dass etwas Einleuchtendes \u2013 wenn auch Befremdliches \u2013 geschehen wird. Folgerichtigkeit und Abgrund verschmelzen bei den vorgestellten Charakteren auf eine unspektakul\u00e4re Weise. Dass dies gegebenenfalls im Sinne der Rechtsstaatlichkeit als Verbrechen zu gewichten ist, steht auf einem v\u00f6llig anderen Blatt.<\/p>\n<p class=\"rez\">Sicherlich ist diese Verl\u00e4sslichkeit auch mit dem Namen des Autors verkn\u00fcpft, der f\u00fcr diesen Stil bekannt ist. Seine vorausgegangenen Werke \u201eVerbrechen\u201c und \u201eSchuld\u201c sorgten f\u00fcr Furore und waren auch au\u00dferhalb Deutschlands Bestseller. Im Hauptberuf ist Ferdinand von Schirach Strafverteidiger und darin ge\u00fcbt, Verbrechen so zu erkl\u00e4ren, dass seine Mandanten ein m\u00f6glichst mildes Urteil erwarten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p class=\"rez\">Die Verletztheit oder Beschr\u00e4nktheit des T\u00e4ters, ja seine Grenzen schlechthin, skizziert von Schirach mit wenigen Worten. Im Falle von der Geschichte \u201eCarl Tohrbergs Weihnachten\u201c steht das gleichf\u00f6rmige Leben des Abteilungsleiters in einem Versicherungskonzern als unumst\u00f6\u00dfliche Normalit\u00e4t im Raum, bevor in der Familienidylle die einstige Zur\u00fcckweisung und Unterdr\u00fcckung von Carls k\u00fcnstlerischer Ader einen Blutzoll fordert. V\u00f6llig \u00fcberraschend, aber am Ende verstehen wir den T\u00e4ter \u2013 nicht die Tat! An der schlichten Dramatik fesselt die Vielschichtigkeit und Raffinesse, die hier scheibchenweise unaufgeregt offenbart wird und das Bittere um so nachhaltiger einrasten l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"rez\">Die anderen beiden Geschichten vollziehen sich ebenfalls nicht in Bausch und Bogen, sondern bleiben der Banalit\u00e4t des Allt\u00e4glichen verhaftet. Da verliebt sich ein Konditor in eine Kundin, eine japanischen Musikstudentin. In seinem fr\u00fcheren Leben irrte er, als er dachte, dass seine Ehefrau ihn betr\u00fcge. Den Mord an ihr hat er im Knast ges\u00fchnt und arbeitet nun nicht mehr als Meister in seinem Handwerk, sondern h\u00e4lt sich mit einem Backshop \u00fcber Wasser. Wir sp\u00fcren, dass er davon ausgeht, von der freundlichen Studentin erh\u00f6rt zu werden, obwohl nichts auf feinsinniges Umgarnen seinerseits hindeutet, das diese irgendwie auf seine Liebesbezeugung h\u00e4tte vorbreiten k\u00f6nnen. Die Katastrophe passiert schneller, als der Leser sie sich ausmalen kann. Sie erwischt ihn kalt, obwohl sie l\u00e4ngst zwischen den Zeilen schicksalhaft im Bereich des M\u00f6glichen schwang.<\/p>\n<p class=\"rez\">In der dritten Geschichte ist die Doppelb\u00f6digkeit noch frappierender. Ein braver Amtsrichter, bis zur Pensionierung ein Ausbund an Korrektheit und Regelm\u00e4\u00dfigkeit, kommt mit dem Abschied vom Berufsleben nicht klar. Im \u00dcbereifer unterl\u00e4uft ihm ein Lapsus, wonach er aus Scham in die Ferne flieht. Dort \u2013 das enth\u00fcllt sich aber erst nach seinem Tod \u2013 hat er sich in ein l\u00fcsternes, ausschweifendes Wesen verwandelt. Ohne Tabus zu ber\u00fccksichtigen, praktizierte er das Gegenteil seines jahrzehntelangen Lebensstils. Dennoch ist ihm eine Beisetzung im Familiengrab im Allg\u00e4u verg\u00f6nnt. Seine Schwester beginnt zu weinen, als der Pfarrer von einem \u201eerf\u00fcllten Leben\u201c spricht.<\/p>\n<p class=\"rez\">Von Schirachs gekonnter Minimalismus unterh\u00e4lt und fasziniert. Eins und eins ergibt eben selten zwei, sondern andere Gebilde, die nicht weniger logisch sind, aber jenseits der Denkschienen liegen, derer sich alle Welt bedient. Deshalb kann man den Autor f\u00fcr seine Einsichten nur begl\u00fcckw\u00fcnschen, die er in seinem Beruf erh\u00e4lt, literarisch aufs vortrefflichste zu verarbeiten versteht und dem Lesepublikum zur Horizonterweiterung schenkt.<\/p>\n<p>Ferdinand von Schirach: Carl Tohrbergs Weihnachten. Stories.<br \/>\nPiper Verlag, M\u00fcnchen 2012.<br \/>\n60 Seiten, 9,00 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783492055529<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ferdinand von Schirach erz\u00e4hlt in \u201eCarl Tohrbergs Weihnachten\u201c von logischen Entgleisungen Schicksalhafte Ungeheuerlichkeiten nehmen den Leser des B\u00e4ndchens \u201eCarl Tohrbergs Weihnachten\u201c gefangen. Jede Zeile verdichtet die Atmosph\u00e4re und strebt einem Resultat zu, das schlicht das Pr\u00e4dikat \u201epasst\u201c verdient. Zwar erhofft man sich, dass Lebenswege sich an solchen Abgr\u00fcnden vorbeischl\u00e4ngeln, wie sie Ferdinand von Schirach in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":482,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-481","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buchtipps","8":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=481"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":483,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/481\/revisions\/483"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}