{"id":478,"date":"2018-02-19T19:32:52","date_gmt":"2018-02-19T19:32:52","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=478"},"modified":"2019-02-19T19:37:48","modified_gmt":"2019-02-19T19:37:48","slug":"eigenborstige-mitlaeufer-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=478","title":{"rendered":"\u201eEigenborstige\u201c Mitl\u00e4ufer-Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<h4>Joachim Geils Roman \u201eTischlers Auftritt\u201c reflektiert das Lebensgef\u00fchl der 1970er-Jahre<\/h4>\n<p class=\"rez\">Ernst Ewald Tischler f\u00fchrt sich nicht als sympathischer Mensch ein. Doch der Pf\u00e4lzer w\u00e4chst dem Leser \u00fcber die knapp 500 Seiten des Romans ans Herz, indem er als Ich-Erz\u00e4hler die 1970er-Jahre und ihr Flair fantasiereich vergegenw\u00e4rtigt. Die Suche nach der Logik seiner eigenen Lebensgeschichte s\u00e4umt den Weg ins TV-Kochstudio zu \u201eTischlers Auftritt\u201c, der titelgebend wird, da er den Protagonisten endlich \u00fcber das Mitl\u00e4ufertum hinausheben soll, das ihm seit den 1968er-Jahren anhaftet. Das hat sich der Autor Joachim Geil fein ausgedacht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">Im Umfeld von Frankfurter Schule und Frankfurter Kranz erproben sich junge Leute \u2013 Tischler ist auch dabei \u2013 in einem Laientheater und w\u00e4hlen als St\u00fcck \u201eMarat\/Sade\u201c von Peter Weiss. Es lebt von dem Konflikt zwischen Revolution\u00e4r und Genussmensch, zwischen Individualismusstreben und sozialer, politischer Umw\u00e4lzung. Es spielt auf mehreren Ebenen und bedient sich grotesken, absurden und verfremdenden Elementen. Beides sind auch Stilelemente in \u201eTischlers Auftritt\u201c.<\/p>\n<p class=\"rez\">Bez\u00fcge zwischen Mitgliedern der studentischen Schauspieltruppe und den Figuren des St\u00fccks, das ja auf einem historischen Stoff beruht, gelingen Joachim Geil auf \u00e4u\u00dferst subtile Art. Seine k\u00fcnstlerische Freiheit spielt er virituos aus, indem er \u00fcberraschende Ankl\u00e4nge stiftet zwischen den historischen Akteuren und deren Darstellern, den Vertretern des Zeitgeists der 1970er-Jahre des 20. Jahrhunderts \u2013 ein besonders augenf\u00e4lliges Beispiel ist die sch\u00f6ne Uschi und ihre Rolle als Charlotte Corday. Ein gewitztes Unterfangen mit Charme und Esprit, das einem in verwandter Spielart an mehreren Stellen des Romans begegnet!<\/p>\n<p class=\"rez\">Erstaunlich fr\u00fch, n\u00e4mlich schon auf Seite 20, wird verraten, wie die \u201erevolution\u00e4re Tat\u201c des in die Jahre gekommenen, unheilbar krebskranken Tischlers von statten gehen soll. Der Plan ist dazu angetan, alle als Komplizen zu gewinnen, die in mindestens einer Phase ihres Lebens das Fernsehen als Medium f\u00fcr schuldig am \u201eallgemeinen Niedergang\u201c einstuften oder manche Programmteile immer noch \u201ezum Kotzen\u201c finden. Als solches soll die Kochshow vorgef\u00fchrt werden; eine Rache, die dem TV-Betrieb im \u00fcbertragenen Sinne den Spiegel vorhalten will, die Verantwortlichen wachr\u00fctteln soll.<\/p>\n<p class=\"rez\">Diese symbolische Handlung \u2013 ob sie gelingt oder nicht \u2013 soll quasi kompensieren, dass einst eine gute Portion Elan zur \u00dcberwindung von engstirniger Kleinb\u00fcrgerlichkeit und spie\u00dfiger Verklemmtheit in beobachtender Ambivalenz stecken geblieben war. Der Ich-Erz\u00e4hler Ernst Ewald bekennt, dass er h\u00e4tte entschiedener und vor allem aus sich selbst heraus initiativ werden sollen, um den gesellschaftlichen Umbruch mit voranzutreiben.<\/p>\n<p class=\"rez\">Nur eine Aktion, die Bewunderung erntet, inszeniert er \u2013 bis ihm der Duft von K\u00f6nigsberger Klopsen die Widerstandskr\u00e4fte raubt. Ansonsten ist er \u201egegen alles, was dir von au\u00dfen aufgedr\u00e4ngt scheint, eigenst\u00e4ndig bis widerst\u00e4ndig, eigenwillig bis widerwillig\u201c und erfindet dazu das Wort \u201eeigenborstig\u201c. Er \u201etischlert\u201c diesen Ausdruck, spielt gerne mit Sprache und Assoziationen, was dem Roman Ironie verleiht und Leichtigkeit wie Vieldeutigkeit sichert.<\/p>\n<p class=\"rez\">Es liegt wohl in der Natur eines Mitl\u00e4ufers, dass er weniger plastisch, farbig und lebendig charakterisiert zu sein scheint, als seine Eindr\u00fccke beim Mitstolpern durch die Ereignisse wirken. Da fehlt ein bisschen Fleisch und Blut. Daf\u00fcr entsch\u00e4digen jedoch die Eleganz seines Reflektierens sowie seine feinsinnigen Fantasien und Assoziationen. Der \u201eEigenbr\u00f6tler, der auch dem Widerstand widerstand\u201c \u2013 wie es im Klappentext treffend hei\u00dft \u2013 beschenkt uns getreu seiner Einsicht: \u201eErinnerungen m\u00fcssen einen \u00fcberkommen und dann mitnehmen, entf\u00fchren\u201c, mit einer Vielzahl an Reminiszenzen: Hegel, Adorno, Krahl, Dutschke, Prof. Barnard und seine erste Herztransplantation in Kapstadt, Ulrike Meinhof, B\u00fcchner, Kafka, \u201eDr. Schiwago\u201c. Mit diesen und weiteren Zeitgenossen \u201etischlert\u201c Joachim Geil durch die Brille seines Ernst Erwin einen eigenwilligen Blick auf die heiklen Jahre zwischen Schah-Besuch und Stammheim-Prozessen. Manchmal kommt der Ritt durch die Vergangenheit tats\u00e4chlichen \u00dcberlieferungen von damals sehr, sehr nahe \u2013 wie beispielsweise der Verbindung zwischen dem Philosophen Theodor W. Adorno und seinem Sch\u00fcler Hans-J\u00fcrgen Krahl, den Geils Protagonist beneidet.<\/p>\n<p class=\"rez\">Tischler, der zunehmend gewissen Gaumenfreuden fr\u00f6nt und dies irgendwann auch beruflich zu seinem Markenzeichen umzum\u00fcnzen versteht, ist niemand, an dem die sich Geister scheiden. Sein Qu\u00e4ntchen Quertreiber-Denken ist tolerabel. Da gibt es andere, die wesentlich n\u00e4her an die Grenze der gesellschaftlichen Akzeptanz geraten: immer wieder ist von \u201eT\u00fcten\u201c die Rede, die geraucht werden und einen herrlich entr\u00fcckten Zustand bescheren, was ja Kontakt zu illegalen Kan\u00e4len genauso impliziert wie sp\u00e4ter die eine oder andere Pistole. Auch der Kontrast der Bundeswehr mit dem Schwulsein wird in eine sehr pers\u00f6nliche Beziehung eingebaut. Tischlers glaubhafte St\u00fctzen sind der schillernde Onkel Willi (er hatte sich zuletzt dem Krieg entzogen) und die Mutter, die es mit dem faschistischen Vater aush\u00e4lt, der letztlich fernsehkrank wird.<\/p>\n<p class=\"rez\">Joachim Geil f\u00e4llt zum zweiten Mal mit seiner Gabe auf, sich einf\u00fchlsam in Zeiten zur\u00fcck zu versetzen, die er als 1970 Geborener nur vom H\u00f6rensagen und aus der Literatur kennen kann. Schon sein Roman-Deb\u00fct \u201eHeimaturlaub\u201c brachte ihm Anerkennung, und f\u00fcr einen Auszug aus \u201eTischlers Auftritt\u201c erhielt er 2011 den Georg-K.-Glaser-F\u00f6rderpreis. An manchen Stellen ist dieser Roman freilich nichts f\u00fcr Ungeduldige. Einige Straffungen h\u00e4tte er sicher unbeschadet \u00fcberstanden, aber der Luxus des Wucherns mit Szenen und des Entfaltens immer weiterer Gedankenwolken ist trotzdem \u201egut getischlert\u201c.<\/p>\n<p class=\"reference\">Joachim Geil: Tischlers Auftritt. Roman.<br \/>\nSteidl Verlag, G\u00f6ttingen 2012.<br \/>\n480 Seiten, 22,00 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783869305127<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Geils Roman \u201eTischlers Auftritt\u201c reflektiert das Lebensgef\u00fchl der 1970er-Jahre Ernst Ewald Tischler f\u00fchrt sich nicht als sympathischer Mensch ein. Doch der Pf\u00e4lzer w\u00e4chst dem Leser \u00fcber die knapp 500 Seiten des Romans ans Herz, indem er als Ich-Erz\u00e4hler die 1970er-Jahre und ihr Flair fantasiereich vergegenw\u00e4rtigt. 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