{"id":474,"date":"2018-02-19T19:29:58","date_gmt":"2018-02-19T19:29:58","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=474"},"modified":"2019-02-19T19:32:00","modified_gmt":"2019-02-19T19:32:00","slug":"woher-der-lange-eugen-seinen-namen-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=474","title":{"rendered":"Woher der lange Eugen seinen Namen hat"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<h2>\u201eNachrichtenzeit\u201c: Wibke Bruhns\u2019 Erinnerungen sind eine wahre Fundgrube f\u00fcr politisch Neugierige<\/h2>\n<p class=\"rez\">Pers\u00f6nliche Marotten, Verstrickungen und Schicksalsschl\u00e4ge scheinen bei der F\u00fclle von Erlebnissen und Begegnungen, auf die Wibke Bruhns in den \u201eunfertigen Erinnerungen\u201c zur\u00fcck blickt, nur Beiwerk zu sein. Die Journalistin erz\u00e4hlt in \u201eNachrichtenzeit\u201c, was man von diesem Berufsstand erwartet: interessante \u201eGeschichten hinter den Geschichten\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">Sie hatte die Qual der Wahl, und anhand ihrer Fotosammlung nennt sie etliche Personen, \u00fcber die sie auch etwas h\u00e4tte \u201eaufschreiben\u201c k\u00f6nnen. \u201eJeder malte seine Tupfer in unsere Welt. Sch\u00f6ner Beruf!\u201c Und an anderer Stelle: \u201eDas war das Sch\u00f6ne an meinem Beruf: Wenn ich etwas wissen wollte, konnte ich mir die Antwort selber holen.\u201c Diese Neugier und Freude am Beruf bestimmt Wibke Bruhns. Zur beruflichen Leidenschaft geh\u00f6rte immer, klug ausw\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Und so gelingt ihr mit dieser Reise in die Vergangenheit sowohl das Vordringen in komplizierte Begebenheiten und Zusammenh\u00e4nge \u2013 wie zum Beispiel in Nahost, wo sie als Korrespondentin des Magazins \u201eStern\u201c arbeitete \u2013 als auch der Versuch, Atmosph\u00e4risches pr\u00e4gnant zu verdichten. Vermeintlich Heikles \u2013 wie das Ger\u00fccht, sie sei Willy Brandts Geliebte gewesen \u2013 r\u00fcckt sie unaufgeregt zurecht.<\/p>\n<p class=\"rez\">In die Mediengeschichte ist Wibke Bruhns, geboren 1938, als erste Frau eingegangen, die im westdeutschen Fernsehen Nachrichten pr\u00e4sentierte. Das war 1971. Zuvor hatte sie ihr Volontariat bei der Bild-Zeitung \u201eaus politischen Gr\u00fcnden\u201c abgebrochen. F\u00fcr beides braucht man Mut. Und den bewies Wibke Bruhns auch, als sie sich als Wahlkampfhelferin f\u00fcr Willy Brandt parteipolitisch bet\u00e4tigte, was f\u00fcr Journalisten ja nicht unbedingt als schicklich gilt. Doch damals tickte die Welt noch ein bisschen anders als heute.<\/p>\n<p class=\"rez\">Wibke Bruns erinnert uns an eine Zeit, in der es noch strittig war, ob man DDR mit oder ohne G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen schreiben solle oder m\u00fcsse. Viele dieser \u201eKleinigkeiten\u201c leben wieder auf bei der Lekt\u00fcre von \u201eNachrichtenzeit\u201c: nach wem der \u201elange Eugen\u201c, das Abgeordnetenhaus in Bonn, benannt wurde; wie sich die M\u00fcllwerker 1975 dank \u00d6TV-Chef Heinz Kluncker elf Prozent mehr Lohn erstreikten und dass Martha Nannen, Ehefrau des Chefredakteurs Henri Nannen, ausschlaggebend daf\u00fcr war, was als \u201everst\u00e4ndlich\u201c im Stern gedruckt werden durfte. \u201eGro\u00dfe\u201c Angelegenheiten wie die Hintergr\u00fcnde um die Guillaume-Aff\u00e4re und die gef\u00e4lschten Hitler-Tageb\u00fccher (\u201eHitler sells.\u201c) werden kompakt aufbereitet. Allein die Kompliziertheit der Auseinandersetzungen in und rund um Israel ist an manchen Stellen nur f\u00fcr jene auf Anhieb leicht zu verstehen, die bereits mit der Materie vertraut sind.<\/p>\n<p class=\"rez\">Mut muss Wibke Bruhns auch privat gehabt haben. Ihre T\u00f6chter, geboren 1966 und 1968, f\u00fchrten sie in die Kinderladenbewegung, aber die N\u00e4he zum Beruf blieb. Als ihr Mann nach zw\u00f6lf Jahren Ehe 1977 stirbt, will sie weg aus Hamburg: \u201e\u2026 ich musste mein Leben umkrempeln, um damit zurechtzukommen.\u201c Als sie vom Stern gr\u00fcnes Licht hatte, als Korrespondentin in den Nahen Osten zu gehen, entschied sie sich f\u00fcr Jerusalem. Zuvor hatte sie gr\u00fcndlich erwogen, ob sie dies ihren T\u00f6chtern zumuten konnte: \u201eIhnen war in Deutschland beigebracht worden, alle Menschen seien gleich. Hier lernten sie: Alle Menschen haben ein Recht darauf, verschiedenen zu sein.\u201c<\/p>\n<p class=\"rez\">S\u00e4tze wie diese machen deutlich, wie wohltuend es ist, eine Haltung entwickeln und vertreten zu k\u00f6nnen. Denn auch das geh\u00f6rt zu den \u201eunfertigen Erinnerungen\u201c: kein Tratsch, nur symptomatische Fakten werden so knapp und plausibel wie m\u00f6glich dargelegt. Bei allem, was sie f\u00fcr berichtenswert h\u00e4lt, gibt Wibke Bruhns Orientierung und erf\u00fcllt damit die Lotsenfunktion, die Journalismus haben soll. Sehr erstaunt ist sie deshalb \u00fcber ihre Erfahrungen bei Pressekonferenzen des US-Pr\u00e4sidenten. Die nennt sie \u201eDarbietungen\u201c, bei denen die St\u00fchle den US-Medien geh\u00f6rten, ausl\u00e4ndische Journalisten mussten stehen und durften keine Fragen stellen. So war es auch bei Auslandsreisen des Pr\u00e4sidenten arrangiert. \u201eDer Kontinent USA ist sich selbst genug, und Auslandsreisen des Pr\u00e4sidenten sind Innenpolitik.\u201c Bedarf an Analysen \u00fcber das jeweilige Land und die Beziehung zu ihm? Fehlanzeige!<\/p>\n<p class=\"rez\">Ab 1984 ist Bruhns als Stern-Korrespondentin in den Vereinigten Staaten. Ein Jahr zuvor waren die Pershing-II-Raketen in Deutschland stationiert worden. Die Proteste gegen die nukleare Abschreckung verebbten hierzulande nicht. Was lag n\u00e4her, als f\u00fcr den Stern zu recherchieren, wo das \u201eTeufelszeug\u201c herkommt, wer die Waffen baut. Die Jahre in Israel \u2013 viele Religionen auf engstem Raum \u2013 im Hinterkopf, will Bruhns aber auch herausfinden, welche Glaubensgemeinschaften in den USA sich im \u201eBesitz der Wahrheit\u201c w\u00e4hnen und wie sie leben. Das spannende Kapitel beendet sie mit dem Hinweis, dass US-Politiker gerne ihr \u201einniges Verh\u00e4ltnis zu Gott als politische Waffe\u201c benutzen und hierbei der Begriff \u201eWahrheit\u201c anders aufgeladen ist als wir es kennen.<\/p>\n<p class=\"rez\">Ein wirklich gro\u00dfes und grundlegendes \u201eAbenteuer\u201c halbprivater Natur durchlebte Wibke Bruhns, als sie die Geschichte ihrer Familie erforschte. Dar\u00fcber reflektiert sie im letzten Kapitel von \u201eNachrichtenzeit\u201c. Das Ergebnis hei\u00dft \u201eMeines Vaters Land\u201c und findet seit 2004 viel Beachtung, weil hier eine interessante Auseinandersetzung mit der j\u00fcngeren deutschen Geschichte gelingt.<\/p>\n<p class=\"rez\">Damit schlie\u00dft sich der Kreis, denn zum Auftakt von \u201eNachrichtenzeit\u201c schildert sie, wie ihre Mutter nach dem Krieg als Alleinerziehende mit f\u00fcnf Kindern das \u00dcberleben zu organisieren hatte und davon st\u00e4ndig \u00fcberfordert und ersch\u00f6pft war. Die Nazis hatten ihr nichts von dem einstigen Verm\u00f6gen in Halberstadt gelassen, nachdem ihr Mann, der Kaufmann Hans Georg Klamroth, 1944 wegen Hochverrats hingerichtet worden war. Er wurde als Mitwisser des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli verurteilt. Else Klamroth war mittellos: \u201eSelbst die Kosten f\u00fcr die Hinrichtung \u2013 die kamen per Rechnung! \u2013 hatte sie sich leihen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p class=\"rez\">Als Kind einer der \u201eRegisseure des Dolchsto\u00dfes\u201c \u2013 dieser Vorwurf hielt sich nach 1945 hartn\u00e4ckig \u2013 zeigte sich die kleine Wibke zwar hart im Nehmen, war aber keineswegs gegen Einsamkeit, Heimweh und schmerzliche Niederlagen gefeit. Aber sie schlug sich tapfer und staunt, welchen Einfluss ihr Vater, den sie gerne pers\u00f6nlich besser kennengelernt h\u00e4tte, trotz seines fr\u00fchen Todes noch heute auf ihr Leben hat.<\/p>\n<p>Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit. Meine unfertigen Erinnerungen.<br \/>\nDroemersche Verlagsanstalt, M\u00fcnchen 2012.<br \/>\n420 Seiten, 22,99 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783426275627<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNachrichtenzeit\u201c: Wibke Bruhns\u2019 Erinnerungen sind eine wahre Fundgrube f\u00fcr politisch Neugierige Pers\u00f6nliche Marotten, Verstrickungen und Schicksalsschl\u00e4ge scheinen bei der F\u00fclle von Erlebnissen und Begegnungen, auf die Wibke Bruhns in den \u201eunfertigen Erinnerungen\u201c zur\u00fcck blickt, nur Beiwerk zu sein. 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