{"id":471,"date":"2018-02-19T19:28:11","date_gmt":"2018-02-19T19:28:11","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=471"},"modified":"2019-02-19T19:29:37","modified_gmt":"2019-02-19T19:29:37","slug":"hannas-reportage-ueber-den-arabischen-macho","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=471","title":{"rendered":"Hannas Reportage \u00fcber den &#8222;arabischen&#8220; Macho"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Sophie Albers stellt in ihrem Roman &#8222;Wunderland&#8220; Stereotypen auf die Probe<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Was macht eine Journalistin, die ihr Thema nicht hinreichend in einer Zeitungsreportage unterbringt? Richtig &#8211; sie schreibt ein Buch. Sophie Albers, Kultur-Redakteurin bei &#8222;stern.de&#8220;, schuf so den Roman &#8222;Wunderland&#8220;. Vermarktet wird er als &#8222;bestechend literarischer Blick in unsere \u201aParallelgesellschaft'&#8220;. Ein Blick, der die Protagonistin Hanna in innere Konflikte st\u00fcrzt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nHanna Perrson, 35, wie die Autorin Journalistin in Berlin, hat ihrem Chef &#8222;ein umfassendes Portr\u00e4t aus inside Neuk\u00f6lln verkauft: der Prototyp eines Mannes, vor dem alle Angst haben, den aber keiner wirklich kennt&#8220;. Tamer, Sohn eines Pal\u00e4stinensers und einer Deutschen, ist stolz darauf, ein Berliner zu sein, ein geb\u00fcrtiger sogar. Dennoch nennt er sich &#8222;Araber&#8220;, denn fast alle identifizieren ihn aufgrund seiner Hautfarbe als solchen. Der Unterschied zwischen ihm und seiner Interviewerin: &#8222;Seine Identit\u00e4t ist geformt von diesem Blick von au\u00dfen, w\u00e4hrend die meine sich all die Jahre am eigenen Blick auf das Innere entlangentwickelt hat.&#8220;<\/p>\n<p>Hanna stammt aus liberalen Kreisen und entdeckt, dass ihre Welt auf ganz andere Weise hinterfragbar ist als sie dachte. Sie hat deshalb M\u00fche, Distanz zu Tamers Sichtweise zu halten. Teilweise ist sie von ihrem Gegen\u00fcber ungew\u00f6hnlich stark beeindruckt, denn punktuell sp\u00fcrt sie bei ihm mehr Ehrlichkeit, als sie je bei Ihresgleichen erfahren hat: &#8222;Nicht nur den Dingen nimmt Tamer die Verpackung, nein, er legt auch das Wesen der Menschen frei, damit sie zeigen, wie sie wirklich ticken.&#8220; Obwohl er unverkennbar ein &#8222;Macho&#8220; ist, fasziniert sie sein einfacher &#8222;Blick auf die Dinge&#8220;. Deshalb fantasiert sie sich einen kleinen Tamer in den Kopf, der bei all ihren Schritten &#8222;seinen Senf&#8220; dazu gibt. Diesen Zustand nennt sie &#8222;verliebt&#8220;, wei\u00df aber, dass sie sich einen Tamer zurechtgeschnitzt hat, den es so in der Wirklichkeit nicht gibt.<\/p>\n<p>Zu Tamers Unumst\u00f6\u00dflichkeiten geh\u00f6rt das Ideal von der eigenen Familie, die bedingungslose Liebe zu seiner Heimat Berlin und dass sich Freunde f\u00fcr einander ohne Wenn und Aber die Hand abhacken lassen. Ein Kapitel hei\u00dft &#8222;Deutsche sind feige&#8220;. Das ist Tamers Meinung. Seine Ausdr\u00fccke entlehnt er oft der &#8222;untersten Schublade&#8220; &#8211; selten ist er freundlich oder zuvorkommend. Die Strecke in Hannas Blickfeld ist seine letzte &#8211; damit er\u00f6ffnet Sophie Albers ihren Deb\u00fct-Roman.<\/p>\n<p>Dieser bleibt dem Charakter einer Reportage verhaftet. Zuspitzungen und raffinierte Vielschichtigkeit h\u00e4tte der Stoff durchaus hergeben k\u00f6nnen. Doch die Autorin verzichtet darauf, bevorzugt das Leise, Schlichte, Unaufgeregte. Ihre Hanna ist \u00fcberrascht, dass sie mehr \u00fcber das reflektiert, was die Begegnung in ihr ausl\u00f6st, als dies bei Profis in ihrem Metier \u00fcblich ist. Beruflich erntet sie Kritik daf\u00fcr, dass sie sich Tamer unter die Haut gehen l\u00e4sst. Einer in Kriegsgebieten erprobten Berichterstatterin entf\u00e4hrt sogar: &#8222;Bist du wahnsinnig, das ist doch gef\u00e4hrlich&#8220;. Sie beharrt darauf, die Welt in Tamers Kopf zu beschreiben, damit plausibel wird, &#8222;warum er so ist, wie er ist&#8220;.<\/p>\n<p>Zwangsl\u00e4ufig muss sie sich deswegen auf ihr Sujet tiefer einlassen und damit das innerliche Unbeteiligtsein &#8211; das Profis gerne zugunsten von &#8222;Objektivit\u00e4t&#8220; im Journalismus reklamieren &#8211; vernachl\u00e4ssigen, um sich mit der zweischneidigen Welt (&#8222;Wunderland&#8220;) des Berliner &#8222;Arabers&#8220; zu konfrontieren, der als Moslem das mit der Kollektivschuld beladene Deutschland ganz anders einordnet als die J\u00fcdin Hanna. Unterschiedliche Konflikte sind gleichzeitig pr\u00e4sent: dem Beruf gen\u00fcgen, eigene Gewissheiten auf den Pr\u00fcfstand stellen, Abneigung gegen\u00fcber Absto\u00dfendem neutralisieren, dem Faszinierenden nicht auf den Leim gehen und ebenso nicht der Sehnsucht nach der Einfachheit erliegen. Da es nur einen glaubw\u00fcrdigen Antagonisten, Arthur, gibt, den Hanna wenige Male anruft, werden hochkar\u00e4tige Differenzierungen den Nachbetrachtungen der RezipientInnen \u00fcberlassen. So nachdenklich die Hauptfigur zwischendurch auch sein mag &#8211; sie findet keinen Ausweg aus der Ersch\u00fctterung ihrer Gewissheiten.<\/p>\n<p>Sophie Albers hat &#8211; so sagte sie in einem Interview mit UNISCENE &#8211; diese Geschichte aus Wut begonnen, als 2006 &#8222;wild \u00fcber die R\u00fctli-Schule diskutiert&#8220; wurde. Den v\u00e4terlichen Freund Arthur l\u00e4sst sie am Ende des Romans sagen: &#8222;Ich glaube, du hast die Perspektive verloren. Danach solltest du suchen gehen&#8220;. Damit ist Hannas Entwicklung w\u00e4hrend ihrer Begegnungen mit Tamer umrissen. Die Aufkl\u00e4rung, wie Tamer &amp; Co. ticken, gelingt nur in Ans\u00e4tzen, wobei nicht alle Szenen der Klischeehaftigkeit enthoben werden.<\/p>\n<p>Die Disziplin des genauen Hinsehens, ohne die Schablone der eigenen Ma\u00dfst\u00e4be sofort einzuschalten, macht die Lekt\u00fcre reizvoll. Spannend bleibt stets, wie viel Tamer sich entlocken l\u00e4sst beziehungsweise was davon wirklich taugt, um &#8222;das Fremde&#8220; besser verstehen zu lernen. Die Suche nach Klarheit pr\u00e4gt auch die Sprache. Sie zieht uns nahe heran an das Geschehen und was es ausl\u00f6st. Als unterhaltsamer Deb\u00fct-Roman verdient die Geschichte mit ihrem leicht \u00fcberschaubaren Erz\u00e4hlstrang Anerkennung. Ein Stoff, der seine Brisanz nicht so schnell verliert.<\/p>\n<p>Sophie Albers: Wunderland. Roman. Knaus Verlag, M\u00fcnchen 2011. 176 Seiten, 14,99 EUR. ISBN-13: 9783813503982<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sophie Albers stellt in ihrem Roman &#8222;Wunderland&#8220; Stereotypen auf die Probe Von Renate Schauer Was macht eine Journalistin, die ihr Thema nicht hinreichend in einer Zeitungsreportage unterbringt? Richtig &#8211; sie schreibt ein Buch. Sophie Albers, Kultur-Redakteurin bei &#8222;stern.de&#8220;, schuf so den Roman &#8222;Wunderland&#8220;. Vermarktet wird er als &#8222;bestechend literarischer Blick in unsere \u201aParallelgesellschaft&#8217;&#8220;. 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