{"id":468,"date":"2018-02-19T17:25:48","date_gmt":"2018-02-19T17:25:48","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=468"},"modified":"2019-02-19T17:27:26","modified_gmt":"2019-02-19T17:27:26","slug":"epikur-schlaegt-luxusleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=468","title":{"rendered":"Epikur schl\u00e4gt Luxusleben"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Kerstin Maria P\u00f6hler konzipiert einen Mann, der &#8222;Einen Sommer lang&#8220; mit seiner Sinnsuche Missverst\u00e4ndnisse provoziert<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Ingrid und Leonhard Zepp haben sich auseinandergelebt. Da ihnen Arbeit, Wohlstand und sch\u00f6ne Arrangements zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden sind, merken sie die entstandene Kluft erst, nachdem ihre Firma verpachtet ist und der Ruhestand altgewohnte Routinen in ver\u00e4ndertem Licht erscheinen l\u00e4sst. Die Autorin Kerstin Maria P\u00f6hler konzentriert sich in ihrem Romandeb\u00fct &#8222;Einen Sommer lang&#8220; auf die Entwicklung des Mannes, der sich auf die Sinnsuche begibt, von Familie und Luxusvilla abr\u00fcckt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie Philosophie zieht ihn an. Sie hatte ihn schon stark interessiert, bevor er den Betrieb seines Vaters \u00fcbernahm. Deshalb besucht Leonhard die Universit\u00e4t, erz\u00e4hlt dies aber niemandem. Ingrid wird misstrauisch und vermutet eine heimliche Gespielin. Aus diesem Konflikt resultiert das Auseinanderbrechen ihrer Ehe.<\/p>\n<p>Wie glaubw\u00fcrdig ist Leonhard Zepp als Protagonist, der zwar zu Unrecht einer Liaison verd\u00e4chtigt wird, aber so gar keine Anstalten macht, seine Frau in seine &#8222;Wege zum gl\u00fccklichen Handeln. Die Stoa und Epikur&#8220; &#8211; so hei\u00dft das Kolloquium, das er besucht &#8211; einzuweihen? Es scheint, als wolle er endlich etwas Eigenes haben. Etwas Eigenes jenseits des Materiellen &#8211; ungeteilte Zweifel, Denkanst\u00f6\u00dfe, Erkenntnisse sowie Ratlosigkeit. &#8222;Eigensinnig&#8220; stiehlt er sich weg von der gesicherten Realit\u00e4t: Eigensinn wird hier zu einem mehrdeutigen Wort.<\/p>\n<p>Gewiss erwartet man kaum von einem Mann, dass er sein Innerstes nach au\u00dfen kehrt, doch etliche Details sprechen daf\u00fcr, dass Leonhard diese Geschichte als diesbez\u00fcglich atypischer Mann vorantreiben soll. Ein Indiz daf\u00fcr ist beispielsweise der Brief an seine Kinder Jan und Laura, beide erwachsen, in dem er unterbreitet, warum er mit ihrer Mutter nicht mehr zusammenleben kann. Der Brief wirkt unglaubw\u00fcrdig wie ein Fremdk\u00f6rper, weil er nicht nur ungeschickt-ankl\u00e4gerisch argumentiert, sondern auch ausgesprochen lange ger\u00e4t. Hier soll uns vermutlich gezeigt werden, wie fremd der Aufbrechende sich selbst ist. Es dauert 129 Seiten, bevor Leonhard notiert: &#8222;Ich erkannte mit einem Mal, dass ich mein Leben nicht zum Besseren wenden konnte, ohne mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, ohne bei mir selbst anzusetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Roman lehrt staunen, warum Leonhard nicht einfach Grenzen zieht, indem er schlicht mitteilt, was er plant und tut. Genau das \u00f6ffnet Raum f\u00fcr ungute Spekulationen und Gef\u00fchle. Und es sorgt f\u00fcr Spannung: Wird es Verwicklungen geben, und wie entlarven sich die Beteiligten in der daraus entstehenden Bedr\u00e4ngnis? Wie werden sie sich dieser Bedr\u00e4ngnis entledigen? Leonhard selbst bleibt ein r\u00e4tselhafte Charakter: Meint er es ernst mit der Suche nach Sinn und Gl\u00fcck &#8211; oder handelt es sich um einen kleinen Ausflug ins Ungewisse, der dann doch im Bann des Althergebrachten endet?<\/p>\n<p>Es passiert nichts Spektakul\u00e4res. Auch dann nicht, als schlie\u00dflich doch eine begl\u00fcckende neue Liebe die Szenerie belebt. Hier hat die Autorin die Gegens\u00e4tze klug gesetzt. Aber auch hier bleibt die Frage, warum Leonhard blass und z\u00f6gerlich agiert. Denn man hat nicht das Gef\u00fchl, dass seine Pers\u00f6nlichkeit in zwei v\u00f6llig unterschiedliche H\u00e4lften auseinander f\u00e4llt &#8211; einerseits die des Optimisten mit Lust auf einen erf\u00fcllten Lebensabend nach seiner entscheidungsfreudigen Vergangenheit als gesch\u00e4ftst\u00fcchtiger Unternehmer &#8211; und andererseits die des Zaghaften, alles sensibel hinterfragenden Schweren\u00f6ters. H\u00e4lt er sich wom\u00f6glich ein Hintert\u00fcrchen offen? Ist das der Clou des Romans?<\/p>\n<p>Die Autorin ist dann am st\u00e4rksten, wenn sie ihr musikalisches Talent mit einbringen kann. Das rhythmische Beschreiben der Oper in Venedig z\u00e4hlt deshalb zu den sprachst\u00e4rksten Passagen des Buches. Kein Wunder, denn Kerstin Maria P\u00f6hler hat als Musiktheater-Regisseurin an bedeutenden Opernh\u00e4usern gearbeitet &#8211; wie der Bayerischen Staatsoper, der Oper Graz und dem Staatstheater Braunschweig. Au\u00dferdem verdankt ihr die Musikwelt einige Opernlibretti. Mit ihrem ersten Roman &#8222;Einen Sommer lang&#8220; versteht sie Neugier zu erzeugen, h\u00e4tte aber ihren LeserInnen fast zu viel zugemutet. Mit etwas mehr Stringenz kann ihr n\u00e4chstes Buch tats\u00e4chlich \u00fcberzeugend werden!<\/p>\n<p>Kerstin Maria P\u00f6hler: Einen Sommer lang. Roman. Quell Verlag f\u00fcr nachhaltiges Leben, Frankfurt a. M. 2011. 330 Seiten, 24,90 EUR. ISBN-13: 9783981266757<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kerstin Maria P\u00f6hler konzipiert einen Mann, der &#8222;Einen Sommer lang&#8220; mit seiner Sinnsuche Missverst\u00e4ndnisse provoziert Von Renate Schauer Ingrid und Leonhard Zepp haben sich auseinandergelebt. Da ihnen Arbeit, Wohlstand und sch\u00f6ne Arrangements zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden sind, merken sie die entstandene Kluft erst, nachdem ihre Firma verpachtet ist und der Ruhestand altgewohnte Routinen in ver\u00e4ndertem Licht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":469,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-468","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buchtipps","8":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=468"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":470,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/468\/revisions\/470"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/469"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}