{"id":465,"date":"2018-02-19T17:23:19","date_gmt":"2018-02-19T17:23:19","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=465"},"modified":"2019-02-19T17:25:10","modified_gmt":"2019-02-19T17:25:10","slug":"die-wuerze-des-lebens-zeigt-sich-bei-jedem-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=465","title":{"rendered":"Die W\u00fcrze des Lebens zeigt sich bei jedem anders"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Camille de Peretti erz\u00e4hlt in &#8222;Wir werden zusammen alt&#8220; einen Sonntag in einer Pariser Seniorenresidenz<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Der Roman f\u00fchrt durch einen Sonntag in einer Seniorenresidenz, ohne dass es anstrengend, heikel oder \u00f6de wird. Man vergesse alle Vorurteile \u00fcber Altersheime &#8211; hier lebt auf jedem Quadratmeter die Eigenst\u00e4ndigkeit des Augenblicks. Kurzweilig wird \u00fcber 64 Kapitel von Bewohnern, Besuchern und Angestellten erz\u00e4hlt. Rund um den Empfang ist &#8222;alles gelb tapeziert&#8220;, die Briefmarkensammlung des Direktors betr\u00e4gt zwanzig Alben, mit Josy aus Guadeloupe tanzt der Putzlappen Walzer und mittags wird Wein serviert &#8211; &#8222;ein Rachenputzer in Karaffen aus Supermarktkristall&#8220;.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Les B\u00e9gonias in Paris ist kein Haus gehobener Klasse. Es ist aber gepflegt und bietet sogar Cola light im Automaten. Mehr Frauen als M\u00e4nner sind dort anzutreffen, der markanteste ist der selbsternannte Kapit\u00e4n Dreyfu\u00df, dem sogar unbemerkt ein Fluchtversuch gelingt. Andere vertreiben sich mit den Klatschgeschichten der Regenbogenpresse die Zeit, warten auf Besuch oder verlieben sich sogar. Eine bunte Mischung von Charakteren bringt uns die Autorin n\u00e4her.<\/p>\n<p>Jede Viertelstunde beginnt ein neues Kapitel. Die Blickwinkel, die zu Tage treten, sind sehr unterschiedlich, aber stets mit einem Augenzwinkern oder gar einem Schuss Humor skizziert. Es geht um Erinnern und Vergessen, Zuwendung und Eifersucht, Beziehungen, Eigensinn und Einzelg\u00e4ngertum. Die Geschichten sparen missliche Befindlichkeiten und Zust\u00e4nde nicht aus, wahren jedoch die Balance zwischen Komik und Tragik. Banales rangiert neben Gewichtigem, des Lebens W\u00fcrze zeigt sich bei jedem anders, Langeweile und Labilit\u00e4t inbegriffen.<\/p>\n<p>Alt und Jung stehen sich gegen\u00fcber. Zum Beispiel, wenn die 25-j\u00e4hrige Camille ihre Gro\u00dfmama Nini besucht, die im Rollstuhl sitzt und auch als &#8222;altes M\u00e4dchen&#8220; noch &#8222;unregierbar&#8220; ist. Ein Querkopf eben, kettenrauchend und auch sonst nicht so, wie man sich jemanden vorstellt, den es in so ein Quartier verschlagen hat. Die Enkelin macht sich Vorw\u00fcrfe, dass sie sich nicht mehr um &#8222;die gute Fee k\u00fcmmert, [\u2026] die ihr so viel gegeben hat&#8220;. Sie ekelt sich vor Alterserscheinungen und \u00fcberwindet sich zu den Stippvisiten in der Residenz, um anschlie\u00dfend wieder &#8222;zwei Wochen Ruhe&#8220; zu haben.<\/p>\n<p>Anders herum lassen uns Nini und andere Bewohner teilhaben an ihrem Leben und ihrer einstigen Erscheinung, als sie noch in ihrer Bl\u00fcte standen. Nini war beispielsweise eine bedeutende Anw\u00e4ltin, andere geben \u00fcber ihre Alptr\u00e4ume fr\u00fchere Misshandlungen preis. Und wir erfahren von einer einst untreuen Sch\u00f6nen, die nun die hingebungsvolle F\u00fcrsorge ihres Ehemannes nicht genie\u00dfen kann, weil sie in ihrer Verwirrtheit glaubt, er sei ihr Liebhaber. So dominiert die Angst vor Entdeckung, die Warnungen an den &#8222;Liebhaber&#8220; vor dem m\u00f6glichen Auftauchen des Ehemannes sind f\u00fcr selbigen nat\u00fcrlich schmerzlich. Kurz: die ProtagonistInnen sind mit einer Vielfalt an Facetten dargestellt und keinesfalls auf ihr Dasein in dieser Lebensphase im Altersheim reduziert. Beachtlich f\u00fcr eine Autorin, die heute erst ihren 30. Geburtstag feiert!<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich ist \u00fcberdies die Disziplin, mit der sich Camille de Peretti einem Regelwerk unterwirft: Formal wendet sie den R\u00f6sselsprung an und folgt den Euler&#8217;schen Quadraten 10. Ordnung sowie &#8222;Listen mit den darauf vorgegebenen Elementen&#8220; (Requisiten). Dieses Schema wird im Anhang ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert (unter anderem vom \u00dcbersetzer Hinrich Schmidt-Henkel) und stellt eine Hommage an Georges P\u00e9rec dar, der &#8222;Das Leben nach Gebrauchsanweisung&#8220; (in einem Mietshaus am 23. Juni 1975 gegen acht Uhr abends) nach diesem Muster konzipierte. Idealerweise bemerkt man beim Lesen dieses &#8222;Strickmuster&#8220; nicht. So ist es auch bei dem Roman &#8222;Wir werden zusammen alt&#8220;, der keinem Handlungsstrang folgt, sondern Szenen aneinander komponiert, die immer \u00dcberraschendes bieten und somit bis zum Schluss um 0.45 Uhr an diesem Sonntag in der Les B\u00e9gonias eine gewisse Spannung aufrecht erhalten.<\/p>\n<p>Camille de Peretti: Wir werden zusammen alt. Roman. \u00dcbersetzt aus dem Franz\u00f6sischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 288 Seiten, 19,95\u20ac, ISBN-13: 9783498053079<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Camille de Peretti erz\u00e4hlt in &#8222;Wir werden zusammen alt&#8220; einen Sonntag in einer Pariser Seniorenresidenz Von Renate Schauer Der Roman f\u00fchrt durch einen Sonntag in einer Seniorenresidenz, ohne dass es anstrengend, heikel oder \u00f6de wird. Man vergesse alle Vorurteile \u00fcber Altersheime &#8211; hier lebt auf jedem Quadratmeter die Eigenst\u00e4ndigkeit des Augenblicks. 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