{"id":424,"date":"2017-02-19T16:35:51","date_gmt":"2017-02-19T16:35:51","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=424"},"modified":"2019-02-19T16:37:17","modified_gmt":"2019-02-19T16:37:17","slug":"schweigen-ist-oberste-wirtstocherpflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=424","title":{"rendered":"Schweigen ist oberste Wirtstocherpflicht"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Ingried Wohllaib entlarvt &#8222;Lebenszeitdiebe&#8220; der 50er Jahre in ihrem Roman &#8222;Gasthauskind&#8220;<\/div>\n<div class=\"tippstext\">Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Sie &#8222;h\u00f6rte von allen Intimit\u00e4ten des Dorfes in der denkbar derbsten Version&#8220; und musste trotzdem Respekt vor den Erwachsenen aufbringen. Isabell, das &#8222;Gasthauskind&#8220;, w\u00e4chst in der Wirtschaftswunderzeit in der s\u00fcddeutschen Provinz auf und erlebt die H\u00e4rten einer Tochter, auf deren Arbeitskraft die Mutter angewiesen ist. Der Vater verdient sein Geld als Viehh\u00e4ndler, ist schweigsam und ungew\u00f6hnlich. Packende Milieu-Schilderungen in eindringlicher Sprache erwarten den Leser des Romans von Ingried Wohllaib.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDass sie ihr Buch als &#8222;Roman&#8220; klassifiziert, irritiert ein wenig, denn die Szenen sind so eindringlich und glaubw\u00fcrdig, dass es sich eher um autobiografische Kindheits- und Jugenderinnerungen handelt. Die Balance zwischen \u00e4sthetischer Erz\u00e4hlform und den zu berichtenden Widerlichkeiten ist gelungen; Knappheit und Stimmigkeit waren sp\u00fcrbare Anliegen an den provozierenden Stoff. Immer wieder wird auch vers\u00f6hnende Distanz gegenw\u00e4rtig: &#8222;Manchmal frage ich mich, wie sich unser Leben ohne Gasthaus entwickelt h\u00e4tte. Seltsamerweise denke ich dann, es w\u00e4re \u00e4hnlich gekommen. Es gibt eben auch im negativen Sinn Dinge, die zusammengeh\u00f6ren.&#8220; Trotzdem bekennt die Autorin, die heute als Grafikerin in Rom lebt, dass das Buch ohne die stimulierende Zusammenarbeit mit der Regisseurin und Schriftstellerin Petra Morsbach nicht entstanden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das barocke Jagd-Schl\u00f6sschen befindet sich im Katholischen Schwaben und steht als idyllischer Ort der Handlung im Gegensatz zu dem Mangel an Geborgenheit, Privat- und Intimsph\u00e4re, dem Isabell ihre Sehns\u00fcchte und ihren Trotz entgegensetzt. Schon fr\u00fch begreift sie sich als unbezahlter Hilfsgnom und erkl\u00e4rt sich f\u00fcr &#8222;seelisch wartungsfrei&#8220;. So schafft sie den Spagat zwischen Kindsein und Funktionierenm\u00fcssen unter der Vorgabe, dass man keinem Gast widerspricht.<\/p>\n<p>Der Stammtisch bestimmt die ersten 15 Jahre von Isabells Leben, G\u00e4nsebl\u00fcmchen bezeichnet sie als ihre Freunde. Sie putzt, bedient und wird oft wie eine Komplizin von jenen behandelt, deren verbale und sexuelle Entgleisungen sie zu fortgeschrittener Stunde zwangsl\u00e4ufig mitkriegt. Sie wird Zeugin der elendsten Stunden Betrunkener, die sonntags wie ausgewechselt sind, wenn sie mit Frau und Kind zur Kaffeestunde auf der Terrasse Platz nehmen. Manchmal versucht Isabell &#8222;unsichtbar zu werden, der Peinlichkeit und des Ekels wegen&#8220;. Schweigen ist oberste Wirtstochterpflicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie Schutz sucht hinter der Devise &#8222;vertraue niemandem&#8220;, sehnt sich Isabell nach Respekt und Zugeh\u00f6rigkeit. Stammg\u00e4ste, die den Ruhetag nicht akzeptierten, bezeichnet sie als &#8222;Lebenszeitdiebe&#8220; und wundert sich sp\u00e4ter, dass &#8222;sie starben, ohne bestraft worden zu sein&#8220;. Es ist die Zeit, in der als &#8222;fauler Hund&#8220; gilt, wer keine R\u00fcckenoperation n\u00f6tig hat. Die Mutter belehrt sie: &#8222;Gro\u00dfz\u00fcgigkeit ist die Schwester der Liederlichkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Spannend auch der Aufbruch der jugendlichen Isabell, die sich aufgrund der &#8222;Vergeudung an Geist&#8220; als Magd gegen\u00fcber den Gleichaltrigen, denen Kultur offenbar &#8222;angeboren&#8220; war, im Hintertreffen f\u00fchlt. Die Halbstarken verschwinden mit dem Sinken der Arbeitslosigkeit unter ein Prozent. Zweimal gibt Roy Black ein Gastspiel, als seine Gage f\u00fcr die Mutter noch erschwinglich war. Die Wurlitzer Musikbox bereichert die Szene, schlie\u00dflich peitschten die Songs der Rolling Stones &#8222;eine B\u00f6e Endorphine in unser dramatisches Haus. Die Nachkriegssentimentalit\u00e4t war aus der Mode. Endlich passte etwas.&#8220;<\/p>\n<p>Wieder ist er da &#8211; der Blick aufs Stimmige. Und immer wieder diese Bilder (&#8222;B\u00f6e&#8220;), die Leuchtkraft besitzen sowie von Humor (&#8222;dramatisches Haus&#8220;) zeugen. So entsteht der Eindruck von Genauigkeit und Unbeirrbarkeit. Dahinter steckt ein Eigensinn, dem dieses Buch verdankt, dass sich keine Passage in Hoffnungslosigkeit verirrt. Gleichwohl geht es rau zu, wird nichts besch\u00f6nigt, sondern &#8222;Dienstleistungsgesellschaft&#8220; von unten und aus Frauenperspektive gezeigt.<\/p>\n<p>Offenbar war es schwer, daf\u00fcr einen Verlag zu finden, was nach Einsch\u00e4tzung von Petra Morsbach (ausgezeichnet u. a. mit dem Marieluise-Flei\u00dfer-Preis dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung) im Nachwort nicht am Urtext lag. Aber bei aller Verfremdung und m\u00f6glicher Zugespitztheit handelt es sich bei (fast) allen Protagonisten mutma\u00dflich um rechtschaffene Leute, deren Kehrseite hier ihre &#8222;W\u00fcrdigung&#8220; fand. Und das ist eben &#8222;starker Tobak&#8220;. Der Verlag hat den Titel auf seine Filmstoffliste gesetzt &#8211; es k\u00f6nnte ein Kassenschlager von Joseph Vilsmaier werden.<\/p>\n<p>Ingried Wohllaib. Gasthauskind. Piper, 2009, 206 Seiten, 16,95 \u20ac, ISBN 9783492052900<\/p>\n<p>Thomas Ballhausen: Bewegungsmelder. Prosa. Haymon Verlag, Innsbruck 2010. 104 Seiten, 17,90 EUR. ISBN-13: 9783852186436<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingried Wohllaib entlarvt &#8222;Lebenszeitdiebe&#8220; der 50er Jahre in ihrem Roman &#8222;Gasthauskind&#8220; Von Renate Schauer Sie &#8222;h\u00f6rte von allen Intimit\u00e4ten des Dorfes in der denkbar derbsten Version&#8220; und musste trotzdem Respekt vor den Erwachsenen aufbringen. 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