{"id":419,"date":"2017-02-19T16:33:42","date_gmt":"2017-02-19T16:33:42","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=419"},"modified":"2019-02-19T16:35:14","modified_gmt":"2019-02-19T16:35:14","slug":"die-maske-war-seine-aufgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=419","title":{"rendered":"Die Maske war seine Aufgabe"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Biografie w\u00fcrdigt Theo Lingen als vielseitigen &#8222;Medien-Menschen&#8220;<\/div>\n<div class=\"tippstext\">\n<p>Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Distanziertheit war ihm auf den Leib geschrieben, die perfekt-komische Note des n\u00e4selnden Dieners ebenfalls: Theo Lingen galt \u00fcber Jahrzehnte auf der B\u00fchne und im Film als Zugpferd. &#8222;Der Schauspieler schien immer um einiges gr\u00f6\u00dfer als seine Rolle&#8220; &#8211; wie verdient diese Einsch\u00e4tzung ist, belegen Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen in ihrer Biografie &#8222;Theo Lingen. Das Spiel mit der Maske&#8220;.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"tippstext\">\n<p>Theo Lingen starb vor 31 Jahren und ist den J\u00fcngeren vielleicht noch aus Paukerfilmen wie &#8222;Die L\u00fcmmel von der ersten Bank&#8220; oder aus der &#8222;Feuerzangenbowle&#8220; in Erinnerung. Dass er jedoch engagiert war in St\u00fccken von Lessing und Schiller \u00fcber Shakespeare und Ipsen bis hin zu Gerhard Hauptmann und D\u00fcrrenmatt ist heute kaum mehr gegenw\u00e4rtig. Er wirkte unter anderem mit in Fritz Langs ber\u00fchmtem Film &#8222;M &#8211; Eine Stadt sucht einen M\u00f6rder&#8220;, gab den &#8222;Macki Messer&#8220; in Brechts &#8222;Dreigroschenoper&#8220;, arbeitete mit Gustav Gr\u00fcndgens, Heinz R\u00fchmann, Hans Moser, Werner Fink. Nach dem Krieg wurde er \u00f6sterreichischer Staatb\u00fcrger und bald darauf Mitglied im Ensemble des Wiener Burgtheaters.<\/p>\n<p>Mit Flei\u00df und Hingabe recherchierten Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen bislang unbekannte sowie in Vergessenheit geratene Fakten. Sie haben zahlreiche Quellen durchk\u00e4mmt und so \u00fcber mehr als 400 Seiten Glaubw\u00fcrdiges zu Tage gef\u00f6rdert und mit 150 Seiten Anhang seri\u00f6s belegt. Dennoch wird das Buch nicht Leser in Bann ziehen, die sich lediglich unterhaltsam \u00fcber Theo Lingen informieren m\u00f6chten. Man muss schon echte Leidenschaft f\u00fcr die Theaterwelt und -geschichte mitbringen, um bei der Stange zu bleiben w\u00e4hrend der ausdauernden Spurensuche in Graswurzelmanier. Als Belohnung f\u00fcrs Durchhalten darf man sich aber \u00fcber die Beleuchtung wirklich erstaunlicher Facetten freuen, die bis hin reicht zur Philosophie \u00fcber die &#8222;g\u00f6ttlichen Frechheit des Angeschautwerden-K\u00f6nnens und Des-dem-Blicke-Standhaltens&#8220; (wie Kafka es um 1919 ausgedr\u00fcckt hatte).<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist es nicht nur die reichhaltige Quellenlage, die die Stofff\u00fclle n\u00e4hrte. Es k\u00f6nnte auch sein, dass die Figur Theo Lingen selbst reizte, sich seiner mittels vieler, vieler Worte zu bem\u00e4chtigen. Denn erstens galt Lingen nicht als besonders auskunftsfreudig, vielmehr wusste er sich und die Seinen sehr gut vor der \u00d6ffentlichkeit zu sch\u00fctzen. Und zweitens kann man sich selbst posthum an dem Spiel mit der Maske vortrefflich festbei\u00dfen. Denn die Maske, an sich etwas Festes, birgt trotz der vordergr\u00fcndigen Starre Virtuosit\u00e4t, Leidenschaft, Geheimnisse. Man m\u00f6chte der Maske nicht auf dem Leim gehen und sucht dahinter, was es an Qualit\u00e4ten hervorzuheben lohnt. Und bei Theo Lingen haben die Autoren diesbez\u00fcglich jede Menge entdeckt und enth\u00fcllt.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass Franz Theodor Schmitz, der sich den Geburtsort seines Vaters als K\u00fcnstlernamen gab, sich selbst als einen &#8222;Komiker aus Versehen&#8220; bezeichnete. Dass so ein &#8222;Versehen&#8220; den Lebensunterhalt sichert, perfektioniert und zum Markenzeichen wird, zwingt geradezu zum Blick hinter die Kulissen, die Zeitl\u00e4ufe versprechen \u00fcberdies einige Gratwanderungen im Privatleben: Schlie\u00dflich heiratet Theo Lingen 1928 die \u00f6sterreichische Schauspielerin und S\u00e4ngerin Marianne Zoff, ohne sp\u00e4ter mit Berufsverbot belegt zu werden, obwohl sie als Halbj\u00fcdin gilt. Sie bringt aus ihrer ersten Ehe mit Bert Berecht die Tochter Hanne mit, was deren leiblichem Vater ganz und gar nicht behagt. Schm\u00e4hungen im Rosenkrieg sind die Folge. Trotzdem arbeiten Lingen und Brecht sp\u00e4ter sehr fruchtbar zusammen.<\/p>\n<p>Von Lingen ist bekannt, dass er ein liebevoller Vater ist und sich als Familienmensch wohl f\u00fchlt. Die Neugier auf den K\u00fcnstler wird obendrein davon gesch\u00fcrt, dass er seine Familie (Tochter Ursula kommt 1929 zur Welt) unbeschadet \u00fcber die gefahrvollen Jahre f\u00fchrt, obwohl er den Machthabern des Dritten Reiches keineswegs nahe stand. Also muss er ein geschickter Taktierer gewesen sein, auch hier mag wieder die Maske geholfen haben. Eine Maske, die es erm\u00f6glicht, das Gesicht zu wahren, ohne es tats\u00e4chlich zeigen zu m\u00fcssen &#8211; was, als besondere Ironie des Schicksals, auch f\u00fcr die Gegenseite gilt.<\/p>\n<p>So erweist sich die Maske als vielf\u00e4ltiges Instrument, an dem man &#8211; wie im Falle Lingen &#8211; wachsen kann und zu hohem Ansehen kommt. Im Kollegenkreis wird Theo Lingen sowohl menschlich als auch hinsichtlich seiner k\u00fcnstlerischen Leistung viel Positives bescheinigt. Er hat sich in unterschiedlichen Sparten versucht &#8211; unter anderem als Conf\u00e9rencier bei Modenschauen, Amateurfilmer, Regisseur, Karikaturist, Kabarettist, Verfasser von B\u00fchnenst\u00fccken und Operettenliberetti sowie als Moderator im Fernsehen.<\/p>\n<p>Wie sich das alles zwischen 1903 und 1978 zutrug, wird nachvollziehbar, ohne dass dramatische Erz\u00e4hlkunst oder pointierte Zuspitzungen spannungstreibend wirken w\u00fcrden. Unaufgeregt verflechten sich Fakten, Kommentare sowie \u00dcberlieferungen. Gerade weil eine F\u00fclle von Details akribisch aufgetischt wird, bedeutet die Lekt\u00fcre eine Herausforderung zur sehr genauen Rezeption, damit die feinen Nuancen nicht nur pflichtschuldig zur Kenntnis gelangen, sondern als Bekr\u00e4ftigung der Weiterentwicklung des k\u00fcnstlerischen Spektrums verstanden werden. Der Versuch, Theo Lingen umfassend gerecht zu werden, liest sich nicht immer kurzweilig, ist aber ungeheuer informativ und erfreulich uneitel formuliert.<\/p>\n<p>Wolfgang Jacobsen, Rolf Aurich. Theo Lingen. Das Spiel mit der Maske. Biographie. Gebunden, 551 Seiten, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-351-02668-4, \u20ac 24,95<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biografie w\u00fcrdigt Theo Lingen als vielseitigen &#8222;Medien-Menschen&#8220; Von Renate Schauer Distanziertheit war ihm auf den Leib geschrieben, die perfekt-komische Note des n\u00e4selnden Dieners ebenfalls: Theo Lingen galt \u00fcber Jahrzehnte auf der B\u00fchne und im Film als Zugpferd. &#8222;Der Schauspieler schien immer um einiges gr\u00f6\u00dfer als seine Rolle&#8220; &#8211; wie verdient diese Einsch\u00e4tzung ist, belegen Rolf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":420,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-419","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buchtipps","8":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=419"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":423,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions\/423"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}