{"id":34,"date":"2018-09-02T19:37:20","date_gmt":"2018-09-02T19:37:20","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=34"},"modified":"2019-02-19T09:07:54","modified_gmt":"2019-02-19T09:07:54","slug":"das-unerwartete-dominiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=34","title":{"rendered":"Das Unerwartete dominiert"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<h4>Hans Gerhards \u201eMehr Zuhause als ich\u201c versammelt Szenen, die durch ihre Spiegelungen bestechen<\/h4>\n<p>Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Hans Gerhards 14 Kurzgeschichten Mehr zu Hause als ich werden dem Titel des B\u00e4ndchens gerecht. Der Autor verdichtet Szenen, die jenseits g\u00e4ngiger Erwartungen spielen. Sich darin zu Hause zu f\u00fchlen ist schwer, denn auch die ProtagonistInnen kennzeichnet meist eine Distanz zu dem, was sie durchleben, die manchmal sogar an ungl\u00e4ubiges Staunen grenzt. Dieser Kniff erm\u00f6glicht eine frappierende Genauigkeit, mit der Sekundenbruchteile, Nichtgesagtes sowie kleinste Details und Regungen zu fesseln verm\u00f6gen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es stimmt \u2013 jemand anderes ist immer \u201emehr zu Hause als ich\u201c. Wer das ist, bleibt offen. Wir sind es nicht, und der Autor scheint es offenbar auch nicht zu sein. Er ist uns also nicht \u00fcberlegen. Auch dann nicht, wenn er uns als Ich-Erz\u00e4hler an die Hand nimmt und trotzdem nicht vollst\u00e4ndig in das Geschehen eintaucht, obwohl er ihm auf den Grund zu gehen versucht.<\/p>\n<p>Ein Geschehen freilich, dem nichts Sensationelles, aber Ungew\u00f6hnliches anhaftet. Wer kommt schon auf die Idee, zu schildern, wie der Ex-Freund bei seiner Verflossenen sein Aquarium abholt, aus dem noch das Wasser abgelassen werden muss. Grotesk wird die Szene dadurch, dass der aktuelle Lover sich bei dem Vorgang in Betrachtungen \u00fcber den weltweiten Verbrauch von Klopapier verliert. Es ist nicht die einzige Kurzgeschichte, in der es um Zahlenspiele geht. Unter anderem begleiten wir Jens, der in Mathematik promoviert und auf einer Wanderung mit einem Arzt ins Gespr\u00e4ch kommt, dabei aber mehr \u00fcber die \u201eErfindung des Abakus\u201c nachdenkt, als die aufkeimende Beziehung zur Kenntnis zu nehmen. Oder es wird nach den angeblich Schuldigen gesucht, die zu dicke Fliesen verbauten, was dazu f\u00fchrt, dass ein Schwimmbecken sieben Zentimeter zu kurz ist, um als \u201eolympia-tauglich\u201c bestehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite Unerwartbares und Distanz \u2013 auf der anderen Seite entsteht aber f\u00fcr den Leser eine sehr pr\u00e4zise Augenblicksn\u00e4he zu dem Geschehen. Ist der Augenblick vorbei, k\u00f6nnen die Details getrost vergessen werden. Wichtiger sind die Schwingungen, die sich vermittelt haben. Die stecken oft in Nebens\u00e4chlichkeiten. Das kleine Stolpern oder Stocken sagt zum Teil mehr als das tats\u00e4chlich Gesagte. Auf diese Weise sind auch die Beziehungen dargestellt. Da ist zum Beispiel der Mann mit dem Tourette-Syndrom, der gerade erfahren hat, dass sein Vater gestorben ist. Er sucht sich Beistand, weil er in Stress-Situationen laut schreit und zur Beruhigung auf den See hinaus will, wo Windstille Stagnation erzwingt \u2013 inmitten von anderen Booten, deren Eigner die Schreie nicht einordnen k\u00f6nnen. Oder es wird banale Hilflosigkeit offenbar, als in \u201eDer General ist nicht zu Hause\u201c ein junger Mann die Ex-Freundin seines Bruders und die beiden sich eigentlich nichts zu sagen haben.<\/p>\n<p>Stark ist die Suche nach einem neuen Zuhause in Rum\u00e4nien \u2013 Anastasias Haus. Hier wird aber leider ohne typografischen Fingerzeig mehrfach die Perspektive gewechselt, weshalb die Orientierung nicht leicht f\u00e4llt. Diese Marotte \u2013 Zeiten- und Perspektivwechsel ohne besondere Kennzeichnung \u2013 ist auch anderen Geschichten eigen. Dank der strengen Konzentration aufs Wesentliche ist das aber meist nicht besonders st\u00f6rend.<\/p>\n<p>Obwohl nicht regelrecht ein Stimmungsbild gezeichnet wird, verdichtet sich doch ein Grundgef\u00fchl, das sich auch an Kleinstem festmachen kann: Das Verlangen nach Verl\u00e4sslichkeit trifft auf unkalkulierbare Realit\u00e4t. Der Gegenpol zu Raffinesse und Doppeldeutigkeit ist das genaue Hinschauen. Oft m\u00fcssen ProtagonistInnen sowie LeserInnen schwer Verdauliches oder Abstruses zur Kenntnis nehmen, doch gleichzeitig wird offenbar, dass man angesichts unz\u00e4hliger Varianten von Spielarten nichts dramatisieren muss. Es geh\u00f6rt immer mehr zum Alltag, als die Oberfl\u00e4che preisgibt. Und wie im richtigen Leben ist nie absch\u00e4tzbar, wie ein Schicksal weitergeht, nachdem das Kapitel im Buch zu Ende ist. Der Schlitz im Zeitvorhang muss uns gen\u00fcgen. Er ist hier l\u00e4ngstens \u00fcber 22 Seiten ge\u00f6ffnet. Bewertungen bleiben au\u00dfen vor.<\/p>\n<p>Hans Gerhard zeigt uns, wie sich Verlorenheit spiegeln l\u00e4sst, ohne dass jemand aus dem Alltag herausf\u00e4llt, vielleicht nur ein wenig danebensteht. Es ist sein dritter Band mit Erz\u00e4hlungen. F\u00fcr Flachs und L\u00e4rchen wurde er 2010 mit dem Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis ausgezeichnet. 24 Kurzgeschichten lieferte er als Stadtteilautor \u00fcber das Nauwieser Viertel. Seit 2013 ist der Rechtsanwalt und ehemalige Poetry-Slammer Vorsitzender des Saarl\u00e4ndischen K\u00fcnstlerhauses. Mit Mehr zu Hause als ich f\u00e4chert er thematisch ein breites Spektrum auf.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Hans Gerhard: Mehr Zuhause als ich. Kurzgeschichten.<br \/>\nConte-Verlag, St. Ingbert 2017.<br \/>\n202 Seiten, 17,00 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783956021206<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><a href=\"\/2punkt0\/category\/buchtipps\/\">zur\u00fcck<\/a>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Gerhards \u201eMehr Zuhause als ich\u201c versammelt Szenen, die durch ihre Spiegelungen bestechen Von Renate Schauer Hans Gerhards 14 Kurzgeschichten Mehr zu Hause als ich werden dem Titel des B\u00e4ndchens gerecht. Der Autor verdichtet Szenen, die jenseits g\u00e4ngiger Erwartungen spielen. 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