{"id":30,"date":"2018-09-03T19:35:36","date_gmt":"2018-09-03T19:35:36","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=30"},"modified":"2019-02-19T09:10:30","modified_gmt":"2019-02-19T09:10:30","slug":"alles-bestens-bis-der-flugschein-ausbleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=30","title":{"rendered":"Alles bestens \u2013 bis der Flugschein ausbleibt"},"content":{"rendered":"<div class=\"buchbox\">\n<div class=\"tippsh2\">Kristine Bilkau erhebt \u201eEine Liebe, in Gedanken\u201c zu einem kostbaren Kleinod, das \u00fcber den Tod hinaus seinen Zauber beh\u00e4lt<\/div>\n<div class=\"tippstext\">\n<p>Von Renate Schauer<\/p>\n<p>Eine erfolgreiche Architektin setzt sich mit dem Nachlass ihrer Mutter auseinander. Im Zentrum steht deren Liebe in den 1960er Jahren, die nach der Verlobung ins Freischwebende geriet. Sie blieb dort wie eine Wolke h\u00e4ngen und nahm als Passivum unterschwellig Einfluss auf die Realit\u00e4t, ohne sich mit ihr zu verschr\u00e4nken. Eine Liebe, in Gedanken ist ein leiser, dichter Roman von Kristine Bilkau, der auf mehreren Ebenen spielt und subtil die Zeichen der Zeit einf\u00e4ngt, die das Fl\u00fcggewerden der Kriegskinder beg\u00fcnstigen, bevor die Bewegung der 68er einen anderen Wind in die Gesellschaft bl\u00e4st.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin versetzt uns mittels Liebesbriefen in das Geschehen von 1964 bis 1967, sodass wir unmittelbar teilhaben an der behutsamen Ann\u00e4herung zwischen ihrer Mutter Antonia (Toni) und Edgar Janssen, der bald beruflich in Hongkong sein Auskommen sucht. Toni soll nachreisen und schickt Bewerbungen in die Metropole. Als er sie via Telegramm bittet, Arbeitsstelle und Wohnung zu k\u00fcndigen \u2013 \u201eFlugschein folgt\u201c \u2013, tut sie das und rettet sich \u00fcber mehrere Monate in verschiedenen Provisorien, bevor sie das Warten satt hat.<\/p>\n<p>Das Zurechtkommen im Schwebezustand beh\u00e4lt Antonia bei \u2013 so rekapituliert es die aus einer sp\u00e4teren Ehe hervorgegangene Tochter. Denn die Mutter heiratet zwei Mal, kommt noch \u2013 wie auch Edgar im fernen Honkong \u2013 zu b\u00fcrgerlichem Familiengl\u00fcck, obwohl sie ihrer \u201eLiebe in Gedanken\u201c nie abschw\u00f6rt, sondern es sich sogar zur Gepflogenheit macht, einmal im Jahr an Janssens Elternhaus vorbeizufahren, um zu sehen, ob er dort zu Besuch ist.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst der Tochter keine Ruhe, sie will Edgar Janssen aufsp\u00fcren und ihm sagen, dass Antonia gestorben ist. In ihrer Trauer sehnt sie sich nach dem Gl\u00fcck der beiden, m\u00f6chte es der \u201eMutter zur\u00fcckgeben k\u00f6nnen. Wie ein verloren geglaubtes Schmuckst\u00fcck, das immer vermisst und nie vergessen worden war.\u201c Wehm\u00fctige Anteilnahme schwingt hier mit. Im Gegensatz zur Risikobereitschaft und den Unw\u00e4gbarkeiten in Tonis Leben gibt es bei der Tochter keine heftigen seelischen Achterbahnfahrten, alles ist auf Sicherheit ausgerichtet. Bis jetzt. Doch auch f\u00fcr sie bricht eine neue Zeit an \u2013 ihre Tochter Hanna wird fl\u00fcgge, alte Muster werden aufgebrochen und neu gestaltet werden.<\/p>\n<p>Die Rolle der Antonia ist die einer t\u00fcchtigen und gesch\u00e4tzten B\u00fcro-Angestellten auf der Aufstiegsleiter, die Konventionen der Nachkriegsgeneration geschickt umschiffend. Sie wohnt zur Untermiete und freut sich, wenn im Gemeinschaftsbad auf der Leine \u00fcber der Wanne Platz f\u00fcr ihre Nylons ist, die sie im lauwarmen Wasser gewaschen hat. In jenem Becken, in das man auch den Waschlappen taucht, um sich von oben bis unten zu waschen. Herrenbesuch bis in die Nacht ist verp\u00f6nt. Die Anti-Baby-Pille mag ihr der Arzt nicht geben, denn die \u201eist vor allem f\u00fcr Damen [\u2026], die schon genug Kinder haben.\u201c Toni rebelliert nur innerlich. Mit ihren 24 Jahren ist sie mutig, aber keineswegs aufm\u00fcpfig, doch wie alle Aufbruchswilligen ihrer Zeit einen Tick voraus.<\/p>\n<p>Daneben Edgar \u2013 galant und h\u00f6flich, taktvoll und \u00e4u\u00dferst vorsichtig. Er ist in seinem Arbeitsumfeld nicht anerkannt, verspricht sich aber auch nicht allzu viel von der Anstellung in Hongkong. Doch ein Ausweg ist es allemal. Da ihn aber Abenteuerlust nicht treibt und aus seinen Briefen keinerlei Begeisterung f\u00fcr Fernost zu herauszulesen ist, fragt man sich, ob er vielleicht aufbricht, weil er meint, er sei \u201ekeine gute Partie\u201c, k\u00f6nnte diese aber unter erschwerten Bedingungen in Asien werden.<\/p>\n<p>Ironie des Schicksals: Er hat schon einen Sohn, Alexander, der bei seinen Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits lebt und nicht wei\u00df, dass Edgar sein Vater ist. Man hat entschieden, ihn in geordneten Verh\u00e4ltnissen aufwachsen zu lassen, w\u00e4hrend Edgar sich f\u00fchlt \u201ewie in einer Wartehalle. Noch nicht an der Reihe, derjenige zu sein, dem man zuruft, Edgar, jetzt beginnt dein Leben.\u201c Flieht er vor dieser Wartehaltung, ohne sich klar dar\u00fcber zu sein, dass er sie mitnehmen w\u00fcrde? Oder hat er Angst, die Wohlanst\u00e4ndigkeit noch einmal zu verletzen wie mit 19, als er \u201eun\u00fcberlegt\u201c handelte mit der Tochter von Freunden seines Vaters?<\/p>\n<p>Jedenfalls gibt er sein Muster des Nichtberufenwerdens an Toni weiter. Sie hat keine Handhabe dagegen. Seine Unentschlossenheit kann sie \u00fcber eine erstaunliche Zeitspanne ertragen; dann rei\u00dft sie das Ruder herum und schl\u00e4gt einen anderen Kurs ein.<\/p>\n<p>Antonia hatte alles auf eine Karte gesetzt. Sie wusste, was sie wollte und stand daf\u00fcr ein \u2013 Edgar machte sich und ihr seine Ambivalenz nicht rechtzeitig klar. Bei Antonia zeigt sich ebenfalls Ambivalenz, jedoch nachgeordnet und in abgeschw\u00e4chter Form. Sie wird uns als ruhelos in den Folgejahren beschrieben, wechselt mehrfach die Wohnung, nimmt immer wieder mit Provisorischem vorlieb, wird punktuell inkonsequent. Im Alter folgt sie beispielsweise dem Rat, sich Anti-Rutsch-Utensilien f\u00fcrs Bad im Internet zu bestellen \u2013 die sie dann nicht bezahlt. Sie vergisst Strafzettel und einigt sich mit dem Gerichtsvollzieher schlie\u00dflich auf Ratenzahlungen\u2026.<\/p>\n<p>Das alles erf\u00e4hrt ihre Tochter, als sie den Nachlass ordnet. Dabei erinnert sie sich an Episoden, Gef\u00fchle und Eindr\u00fccke bis hin zum R\u00e4uspern ihrer Mutter. Die Hamburger Autorin Kristine Bilkau durchdringt dies Geflecht, ohne den Figuren zu nahe zu treten. Ein feinf\u00fchliges Abtasten der Begebenheiten gelingt ihr, wie schon in ihrem Deb\u00fct-Roman Die Gl\u00fccklichen, der ihr ein begeistertes Medienecho und mehrere Preise einbrachte. Ihr federnder Stil kommt ohne grelle Beleuchtung aus, um sowohl Nebens\u00e4chliches als auch Zentrales eindr\u00fccklich darzustellen. Trauer schwemmt bekanntlich vieles an die Oberfl\u00e4che \u2013 Unvergessliches oder bereits vergessen Geglaubtes, das manchmal Verkn\u00fcpfungen mit dem Hier und Heute eingeht, die \u00fcberraschend erhellend sind.<\/p>\n<p>\u201eDu wirst den Reichtum deiner Gedanken haben\u201c, hatte die Mutter bei einem der letzten Telefonate gesagt, als die Tochter gestand, dass sie sich vor dem Alter f\u00fcrchtet. Darin dr\u00fcckt sich die Haltung aus, die Mutter und Tochter verband. Ein aufger\u00e4umtes Verh\u00e4ltnis, das nicht nur dem R\u00e4tsel um die nicht eingel\u00f6ste Liebe respektvoll Raum l\u00e4sst. In eine aufger\u00e4umte Stimmung entl\u00e4sst der Roman auch seine LeserInnen; wer gerne mit Widerhaken ringt oder Potential f\u00fcr Emp\u00f6rung sucht, geht hier leer aus. Kristine Bilkau versteht es, Unerkl\u00e4rliches und Missgl\u00fccktes so \u201esmart\u201c darzustellen, dass es keine Aufregung oder \u00c4rgerlichkeit erzeugt. Schade ist das nicht, denn unterschwellig geht es letztlich um die Frage, ob sich W\u00fcnsche erf\u00fcllen m\u00fcssen, um von einem \u201egelungenen\u201c Leben sprechen zu k\u00f6nnen. Bei der L\u00f6sung dieses R\u00e4tsels hilft im Endeffekt wirklich nur der eigene \u201eReichtum der Gedanken\u201c.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken. Roman.<br \/>\nLuchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2018.<br \/>\n253 Seiten, 20,00 EUR.<br \/>\nISBN-13: 9783630875187<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p><a href=\"\/2punkt0\/category\/buchtipps\/\">zur\u00fcck<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristine Bilkau erhebt \u201eEine Liebe, in Gedanken\u201c zu einem kostbaren Kleinod, das \u00fcber den Tod hinaus seinen Zauber beh\u00e4lt Von Renate Schauer Eine erfolgreiche Architektin setzt sich mit dem Nachlass ihrer Mutter auseinander. Im Zentrum steht deren Liebe in den 1960er Jahren, die nach der Verlobung ins Freischwebende geriet. Sie blieb dort wie eine Wolke [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":79,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":{"0":"post-30","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buchtipps","8":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":241,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30\/revisions\/241"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/79"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}