{"id":1134,"date":"2025-04-02T18:50:46","date_gmt":"2025-04-02T18:50:46","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=1134"},"modified":"2025-04-02T18:51:51","modified_gmt":"2025-04-02T18:51:51","slug":"der-kleine-verbluefft-und-fasziniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=1134","title":{"rendered":"Der Kleine verbl\u00fcfft und fasziniert"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u201eDas Wanderkind\u201c von Aude erz\u00e4hlt anr\u00fchrend vom Zusammenspiel in einer ungew\u00f6hnlichen Familie<\/strong><\/p>\n<p class=\"rez\">Wehen am 232sten Tag der Schwangerschaft, die von der Nachricht \u00fcberschattet ist, dass zwischen den Zwillingen der Blutaustausch schon l\u00e4nger gest\u00f6rt ist. Wider Erwarten kommt das zweite Kind doch lebend zur Welt, so winzig, dass \u201ees mehr an ein V\u00f6gelchen als an ein Menschenkind erinnert\u201c. Beno\u00eet, von nun an nur \u201eDer Kleine\u201c genannt, erweist sich bereits im Brutkasten als Trost und Halt f\u00fcr den kr\u00e4ftigeren Bruder Hans. Damit beginnt die stellenweise fast m\u00e4rchenhafte Geschichte einer Geschwisterbeziehung, die 1999 den Gro\u00dfen Leserpreis von \u201eElle Qu\u00e9bec\u201c gewann.\u00a0<i>Das Wanderkind<\/i>\u00a0ist ein Hoffnung stiftender Roman, der in der Seele lange nachwirkt, weil \u201eschwach\u201c und \u201estark\u201c keine eindeutige Zuweisung erfahren, sondern die frankokanadische Autorin Aude unter anderem mit dem Doppelungsmotiv die \u201eschmerzhafte Sch\u00f6nheit menschlicher Bindungen\u201c nahebringt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">Mit\u00a0<i>L\u2019enfant migrateur<\/i>, wie der Roman im Original hei\u00dft, widmet sich Claudette Charbonneau alias Aude (1947\u20132012) der f\u00fcr sie typischen Auseinandersetzung \u201emit der Schwierigkeit des Seins\u201c. Stilistisch f\u00e4llt auf, dass jedes Kapitel mit einem aktuellen Moment beginnt, der uns sofort umf\u00e4ngt, um dann Vorangegangenes aufgebl\u00e4ttert zu bekommen und schlie\u00dflich wieder im Hier und Jetzt zu enden. Die 29 Kapitel sind konzis, jedes auf seine Weise eindringlich. Dadurch entsteht eine Unmittelbarkeit, die uns dennoch gestattet, den n\u00f6tigen Abstand f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Geschehens zu wahren.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"rez\">Chronologisch wird das Aufwachsen der Zwillinge erz\u00e4hlt. \u201eDer Kleine\u201c wirkt zart und schw\u00e4chlich, hatte auch in seinen ersten Tagen Probleme mit seiner Herzschw\u00e4che und Atemnot. Es bleibt aber in der Schwebe, inwieweit er wirklich als \u201ezur\u00fcckgeblieben\u201c einzustufen ist, da seine Lehrerin im zweiten Schuljahr meint, \u201edass der Kleine genauso lesen, schreiben und rechnen kann wie die anderen Kinder, obwohl ihm das niemand zugetraut hat und er gemeinhin auch nichts davon zu erkennen gibt.\u201c Hans, der angeblich schon im Mutterleib von dem unausgewogenen Blutaustausch profitiert hat und bei seiner Geburt vor Gesundheit zu strotzen scheint, ist sehr bezogen auf den \u201eKleinen\u201c, schirmt ihn und sich teilweise hartn\u00e4ckig von den anderen Familienmitgliedern ab, neigt zu \u00c4ngsten und Stimmungsschwankungen, was sich sp\u00e4ter in einem fast aggressiven Ringen um N\u00e4he und Distanz zeigt.<\/p>\n<p class=\"rez\">Szenen und Personal sind \u00fcbersichtlich: Corinne und Piere sind verst\u00e4ndnisvolle Eltern, die ein zweites Kind wollten und vor den Zwillingen eine Fehlgeburt betrauen mussten. Tochter Alexandra ist vier Jahre \u00e4lter als Beno\u00eet und Hans, f\u00fchlt sich oft ausgeschlossen, findet aber offenbar ihren Weg. Dann ist da noch ein Lehrer, Alexis Santerre, der f\u00fcr Hans durch literarischen Austausch Bedeutung gewinnt. Im Gegensatz zu Beno\u00eet hat Hans die Aufgabe, sich nach und nach einen eigenen Lebensentwurf jenseits der Zwillingssymbiose zu erarbeiten.\u00a0<\/p>\n<p class=\"rez\">Gemessen an dieser Herausforderung bewegt sich \u201eDer Kleine\u201c fast wie nachgeordnet, jedoch mit der wertvollen Eigenschaft, ohne Vorsatz und Absicht die Familie zu harmonisieren, Hans\u00a0den R\u00fccken zu st\u00e4rken und ein Vorwissen von den Zeichen der Zukunft zu haben. Damit kommen fast mystische Ankl\u00e4nge in den Roman, was ihn zus\u00e4tzlich faszinierend macht. Einmal pr\u00e4sentiert \u201eDer Kleine\u201c ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde, das er \u201eMein Bruder\u201c nennt. Da sich Beno\u00eet und Hans sehr \u00e4hnlich sehen, kann jeder von beiden der Bruder sein. Es gibt zwar Unterschiede, aber im Grunde erinnern diese gleicherma\u00dfen an \u201ezwei Seiten einer Medaille\u201c, und somit kann man das Doppelungsmotiv auch als eine Sehnsucht lesen: man m\u00f6ge doch immer zu zweit sein \u2013 mit einem, der einen n\u00e4hrt, ohne sich selbst zu verzehren, der uns abschirmt von der Einsamkeit der Welt, ohne sich aufzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<p class=\"rez\">Diese Sehnsucht l\u00e4sst sich nicht zuletzt angesichts der Schicksalsschl\u00e4ge interpretieren, die die Autorin zu bew\u00e4ltigen hatte und die in der Zeittafel am Ende des B\u00fcchleins angerissen werden. Bereits als Neunj\u00e4hrige schreibt Claudette ernste Geschichten im Kinderheim, in das sie zwei Jahre zuvor nach dem pl\u00f6tzlichen Tod ihrer Mutter hatte ziehen m\u00fcssen.\u00a0<i>Das Wanderkind<\/i>\u00a0ist u. a. ihrer \u00e4lteren Schwester Denise gewidmet, denn diese habe \u201ein ihrer Kindheit eine \u00e4hnliche Rolle f\u00fcr sie gespielt\u201c wie Beno\u00eet f\u00fcr Hans. Weitere Daten geben Aufschluss \u00fcber das literarische Wirken, das sich vornehmlich zwischen den Genres bewegt und in den 1970er Jahren wiederholt Themen wie Wahnsinn und Tod aufgreift. Aude ist ab 1983 ihr Pseudonym; sie gilt als eine der wichtigsten Figuren der fankokanadischen Literaturszene und wurde zur Ehrenpr\u00e4sidentin des nach ihr benannten\u00a0<i>Centre Aude d\u2019\u00e8tudes sur la nouvelle<\/i>\u00a0zur F\u00f6rderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.<\/p>\n<p class=\"rez\">Sinnigerweise enth\u00e4lt das Buch ein Glossar, das Hans\u2018 Austausch mit seinem Lehrer \u00fcber Literatur einordnen hilft. Davon unabh\u00e4ngig ist es lohnend, sich Zeit zu nehmen, um hier den inhaltlichen Verstrebungen mit dem\u00a0<i>Wanderkind<\/i>\u00a0nachzusp\u00fcren. Der Titel r\u00fcckt zwar den \u201eKleinen\u201c in den Mittelpunkt, jedoch sind Sinnsuche und Reflexion seinem Bruder Hans vorbehalten, der \u2013 wie es im 17. Kapitel hei\u00dft \u2013 lieber mit Worten als mit Musik in die Tiefe taucht, gegen \u201eden Widerstand, den sie ihm entgegensetzen, [\u2026] um ihnen das Unsagbare abzuringen\u201c.\u00a0 Kurz: es handelt sich insgesamt um eine angenehme Lekt\u00fcre, plausibel trotz der m\u00e4rchenhaften Elemente, die nicht zuletzt dank der \u00dcbersetzung von Ina B\u00f6hme vielf\u00e4ltig Sinne und Geist anspricht. Format und Aufmachung des Buches (Halbleinen, mit Leseb\u00e4ndchen!) tragen zus\u00e4tzlich dazu bei, dass man\u00a0<i>Das Wanderkind<\/i>\u00a0gerne zur Hand nimmt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Aude: Das Wanderkind. Roman.<br>Aus dem Franz\u00f6sischen von Ina B\u00f6hme.<br>Alfred Kr\u00f6ner Verlag, Stuttgart 2021.<br>120 Seiten, 16,90 EUR.<br>ISBN-13: 9783520616012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas Wanderkind\u201c von Aude erz\u00e4hlt anr\u00fchrend vom Zusammenspiel in einer ungew\u00f6hnlichen Familie Wehen am 232sten Tag der Schwangerschaft, die von der Nachricht \u00fcberschattet ist, dass zwischen den Zwillingen der Blutaustausch schon l\u00e4nger gest\u00f6rt ist. 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