{"id":1127,"date":"2025-04-02T18:46:34","date_gmt":"2025-04-02T18:46:34","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=1127"},"modified":"2025-04-02T18:48:23","modified_gmt":"2025-04-02T18:48:23","slug":"labyrinthe-des-liebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=1127","title":{"rendered":"Labyrinthe des Liebens"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Keine banalen Strickmuster des Schicksalhaften in Michael Reicherts Erz\u00e4hlband \u201eLiebe[n] &amp; Tod[e]\u201c<\/strong><\/p>\n<p class=\"rez\">Das Besondere, das Michael Reicherts, Professor der Psychologie, in seine zw\u00f6lf Erz\u00e4hlungen von der Liebe und vom Tod packt, ist vielf\u00e4ltig und in jedem Fall als etwas zutiefst Menschliches erkennbar. Bestechend ist seine Genauigkeit in der Beobachtung. Die mag interessant sein, doch wird jedes Geschehen so akribisch vorbereitet und entschl\u00fcsselt, dass kein vorantreibender Sog entsteht, weil wenig Hoffnung auf \u00dcberraschungen aufkommt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"rez\">Um welche Liebe(n) geht es? Um die bei Paaren, langj\u00e4hrigen Freundinnen und Neu-Bekanntschaften, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, um entt\u00e4uschte Liebe und jene, die \u00fcber den Tod hinaus die Seele besch\u00e4ftigt. Der Titel des Buches wird mit eckigen Klammern geschrieben: Liebe[n] &amp; Tod[e]\u00a0\u2013 eine Andeutung daf\u00fcr, dass hier ungew\u00f6hnliche Herausforderungen f\u00fcr das Vorstellungsverm\u00f6gen lauern. Hier l\u00e4sst ein Junge aus Eifersucht eine Heerschar von Ameisen auf seine pubertierende Schwester los \u2013 mit nicht revidierbaren Konsequenzen; eine K\u00fcnstlerin stellt mit gro\u00dfem Erfolg \u201eeigent\u00fcmlich leuchtende\u201c Acryl-Gem\u00e4lde aus, denen Fantasien mit ihrem Liebhaber \u00fcber die Verwendung von Asche aus Urnen vorausgegangen waren.<\/p>\n<p class=\"rez\">Zuweilen beginnt es ganz harmlos \u2013 wie die Perspektive von Kindern bei einer Trauerfeier, die unter dem Tisch kauern und Beine beobachten. Anderes l\u00e4sst schon von vornherein vermuten, dass etwas ins Abstruse zugespitzt wird \u2013 wie in der Episode mit den Liebesbriefchen auf dem Friedhof. F\u00fcrsorge, Respekt, Mitleid, Ekel, Begehren \u2013 das Spektrum der Empfindungen und Begegnungen ist breit.\u00a0Trotzdem bleibt \u00dcberraschendes rar, weil die Genauigkeit in der Erz\u00e4hlweise vieles sehr fr\u00fch erahnen l\u00e4sst. Man kann sich jedoch darauf verlassen,\u00a0hier nichts Banales aufgetischt zu bekommen \u2013 keine Schicksale, eher Schicksalhaftes. Geduld und Toleranz helfen, um sich in dem zurechtzufinden, was der Verlag als \u201eLabyrinthe des Liebens und Verlierens, der Sehns\u00fcchte und der Suche nach dem anderen\u201c annonciert.\u00a0Die Grundthematik ist Begegnung; wie ist N\u00e4he herstellbar, wie lassen sich N\u00e4he und Distanz \u2013 je nach Charakteren \u2013 vertr\u00e4glich regulieren. Liebe, deren Wandelbarkeit sowie Verg\u00e4nglichkeit spielen ebenfalls eine zentrale Rolle.<\/p>\n<p class=\"rez\">Die Erz\u00e4hlweise ist durchwirkt von R\u00fcckblicken, Verflechtungen, Szenenwechseln, Sinnlichem und Analytischem. Teilweise mutet das kompliziert an, gleichzeitig ist es aber raffiniert, was den Geist herausfordert\u00a0und wider Erwarten einige, wenige \u00dcberraschungsmomente bietet, auf die man l\u00e4ngst nicht mehr zu hoffen gewagt hat.\u00a0Sie k\u00f6nnen noch so klitzeklein sein \u2013 ihre Herleitung ist dennoch ein kunstvolles Konstrukt. \u00dcberwiegend sind die ProtagonistInnen nicht leicht zu dechiffrieren, die aufgesplitteten Extremsituationen werden so lange ent-wickelt, bis sie sattsam auserz\u00e4hlt sind. Man muss Freude haben an detaillierten Beschreibungen und weiterlesen wollen, auch wenn sich das Ende der Geschichte l\u00e4ngst vorhersehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"rez\">Kunstvoll Konstruiertes strengt beim Lesen an. Beispielsweise werden Analysen eines verstorbenen Freundes wortreich als \u201eunerbittlich\u201c erinnert:<\/p>\n<p class=\"rez\">\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"rez\">Man war kaum einmal in einer reifen, menschlich-sympathischen Komfortzone, sondern immer in dem morbiden und aufregenden Duft von Unvollkommenheit, des Triebdurchbruchs (ein Wahnsinnswort!?), des Unberechenbaren und Aggressiven, des Verruchten und Grenzwertigen, oft sogar bei der Frage, ob man den Kontakt seelisch \u00fcberleben w\u00fcrde?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p class=\"rez\">Eine Passage, die zur Beschreibung der zw\u00f6lf Erz\u00e4hlungen auf dem Buchcover passt, sie seien wie ein Versuchsraum, \u201ein dem ihre emotionale Intensit\u00e4t ist wie eine Operation am offenen Herzen\u201c. Wobei operierende MedizinerInnen gemeinhin als kopf-k\u00fchle Spezies gelten, die sich ihrer Handgriffe und Risiken hochkonzentriert bewusst sind. Der Unterhaltungswert von Reicherts Erz\u00e4hlungen mag verflachen in den genauen Herleitungen von Regungen, Fantasien, Handlungen, Wendungen etc., aber emotional verhaken sich trotzdem Kleinigkeiten beim Lesen, die mit einer gewissen Langzeitwirkung das Durchhalteverm\u00f6gen belohnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Michael Reicherts: Liebe[n] &amp; Tod[e]. Erz\u00e4hlungen.<br \/>K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, W\u00fcrzburg 2022.<br \/>202 Seiten , 18,00 EUR.<br \/>ISBN-13: 9783826077005<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine banalen Strickmuster des Schicksalhaften in Michael Reicherts Erz\u00e4hlband \u201eLiebe[n] &amp; Tod[e]\u201c Das Besondere, das Michael Reicherts, Professor der Psychologie, in seine zw\u00f6lf Erz\u00e4hlungen von der Liebe und vom Tod packt, ist vielf\u00e4ltig und in jedem Fall als etwas zutiefst Menschliches erkennbar. Bestechend ist seine Genauigkeit in der Beobachtung. 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