{"id":1092,"date":"2025-04-02T21:45:03","date_gmt":"2025-04-02T21:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=1092"},"modified":"2025-04-02T21:45:04","modified_gmt":"2025-04-02T21:45:04","slug":"kittelschuerze-das-symbol-fuer-fleiss-und-aufopferung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/journalismus-und-mehr.com\/2punkt0\/?p=1092","title":{"rendered":"Kittelsch\u00fcrze \u2013 das Symbol f\u00fcr Flei\u00df und Aufopferung"},"content":{"rendered":"\n<p>Sinnieren \u00fcber Weiblichkeit<\/p>\n\n\n\n<p>(RS) Das Rascheln des Kleides war etwas Ungewohntes. Es war das Kleid, dessen Oberteil<br>vorne mit Perlen bestickt war. Mutter zog es sehr selten an. Die Kittelsch\u00fcrze an ihr war mir<br>vertrauter. Alltags dominierte die Sorte aus Nylon, deren Farben und Muster das Gegenteil<br>von gef\u00e4llig waren. Sonntags kamen die gest\u00e4rkten aus Baumwolle zum Einsatz. Gemocht<br>habe ich keine.<br>Kittelsch\u00fcrzen waren praktisch f\u00fcr die Arbeit in Haus und Garten. \u201eTreusorgend\u201c war das<br>Etikett, mit dem damals Frauen geadelt wurden. Damit musste frau keineswegs gl\u00fccklich sein.<br>Staunend vernahm ich beispielsweise, dass Mutter die Rolle als Hausfrau nach der<br>Eheschlie\u00dfung zum Halse heraus hing wegen der ewig gleichen Handgriffe. Ihre Mutter<br>redete ihr gut zu, erz\u00e4hlte sie mir. Das sei das Los der Frauen, habe Oma gesagt. In mir l\u00f6ste<br>das eine heftige und lang anhaltende Rebellion gegen dieses Schicksal aus, was sp\u00e4ter in<br>politisches Engagement m\u00fcndete.<br>Dass frau sich unter der Kittelsch\u00fcrze beliebig kleiden kann, ist ideal f\u00fcr Freiheitsliebende.<br>Nicht alle legten sie ab, bevor sie zum Einkaufen gingen. Meine Mutter zog sich jedoch f\u00fcr<br>die \u00d6ffentlichkeit um. Rock und Bluse, erst sehr viel sp\u00e4ter durfte es auch mal eine lange<br>Hose sein.<br>Mir erlaubte sie nicht, in einer Jeans zur Schule zu gehen, als dies f\u00fcr M\u00e4dchen immer mehr<br>\u00fcblich wurde. Schicklich f\u00fcr M\u00e4dchen fand sie h\u00f6chstens Hosen mit Steg \u2013 die eigentlich nur<br>noch auf der Ski-Piste zum Outfit geh\u00f6rten. Ich beneidete die Jungs.<br>Als ich noch nicht schulpflichtig war, entdeckte ich hinter einem Vorhang eine T\u00fcte, die mich<br>sehr neugierig machte. Was ich daraus hervorzog, war rosa und f\u00fchlte sich weich an. Wie das<br>wohl schmeckte? Gerade noch rechtzeitig bog meine Mutter um die Ecke und entzog mir das<br>faszinierende R\u00e4tsel, bevor ich hineinbei\u00dfen konnte. \u201eDas ist nichts f\u00fcr Dich!\u201c, schalt sie<br>energisch. Aber worum es sich handelte, verriet sie nicht.<br>Erst Jahre sp\u00e4ter wurde ich aufgekl\u00e4rt. Die altmodischen Methoden dem Monatshygiene<br>w\u00e4ren lohnend f\u00fcr einen extra Schwerpunkt. Und wieder beneidete ich die Jungs, die \u201esowas\u201c<br>an ihrem K\u00f6rper nicht zu ber\u00fccksichtigen hatten. Es war ein Tabu \u2013 egal, ob frau damit<br>haderte oder nicht. Nur wir M\u00e4dels untereinander tauschen uns anfangs dar\u00fcber aus. Es galt<br>als Punktsieg, wenn eine fr\u00fcher ihre Menstruation bekam als der Rest der Mitsch\u00fclerinnen.<br>Sichtbar wurde es nur, wenn frau sich beim Sport ausklinkte und von einer Bank aus<br>Turn\u00fcbungen oder V\u00f6lkerball beobachtete. Doch Vorsicht: Klagte eine zu viel \u00fcber<br>Bauchweh, brachte das Minuspunkte! \u201eStell dich nicht so an!\u201c, war die weit verbreitete<br>Schm\u00e4hung.<br>Vor diesem Hintergrund ist es erkl\u00e4rbar, dass f\u00fcr mich \u201etreusorgend\u201c, Kittelsch\u00fcrze und Blut<br>zu den Schwerpunkten der Weiblichkeit z\u00e4hlten bis ich der Schule entwachsen war und<br>andere Erfahrungen machte. Jedoch schlossen sp\u00e4tere Erfahrungen nicht aus, dass mir oft das<br>Los der M\u00e4nner leichter vorkam. Man sprach damals \u00fcberdies noch vom \u201estarken\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Geschlecht, das durch die Bundeswehr \u201eSchliff\u201c erfuhr und als Familien-Ern\u00e4hrer sich keine<br>Schw\u00e4chen erlauben durfte. Die Welt schien eindeutig zweigeteilt. Nobelpreistr\u00e4gerinnen gab<br>(und gibt!) es nur wenige, und was Frauen w\u00e4hrend des Krieges geleistet hatten (nicht nur die<br>Tr\u00fcmmerfrauen!), stellte man ungern und daher selten ins Licht der \u00d6ffentlichkeit.<br>experimenate 3\/2024<br>Magazin f\u00fcr Literatur, Kunst und Gesellschaft<br>Herausgegeben von: INKAS \u2013 Institut f\u00fcr Kreatives Schreiben<br>im Netzwerk f\u00fcr alternative Medien und Kulturarbeit e. V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sinnieren \u00fcber Weiblichkeit (RS) Das Rascheln des Kleides war etwas Ungewohntes. Es war das Kleid, dessen Oberteilvorne mit Perlen bestickt war. Mutter zog es sehr selten an. Die Kittelsch\u00fcrze an ihr war mirvertrauter. Alltags dominierte die Sorte aus Nylon, deren Farben und Muster das Gegenteilvon gef\u00e4llig waren. Sonntags kamen die gest\u00e4rkten aus Baumwolle zum Einsatz. 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